Globaler Liberalismus – Game over?

Im Gespräch mit dem norwegischen Historiker Glenn Diesen entwirft der Ökonom Philip Pilkington das in seinem neuesten Buch »The Collapse of Global Liberalism: And the Emergence of the Post Liberal World Order« gezeichnete Bild einer Welt, in der sich das ideologische Fundament der vergangenen drei Jahrzehnte rapide auflöst. Sein Befund ist eindeutig: Der globale Liberalismus – verstanden als Kombination aus freien Märkten, liberaler Demokratie und universalistischem Sendungsbewusstsein – befindet sich nicht nur in einer Krise, sondern bereits im Stadium des Zusammenbruchs.

Liberalismus als Missionsprojekt

Pilkington widerspricht der verbreiteten Lesart, Liberalismus sei primär eine Lehre von Zurückhaltung und individueller Freiheit im Sinne Isaiah Berlins »negativer Freiheit«. Stattdessen beschreibt er ihn als von Beginn an expansives, »positives« Projekt. In dieser Tradition stehend, habe Francis Fukuyama mit seiner These vom »Ende der Geschichte« den Liberalismus treffender erfasst als viele seiner Kritiker: als Ideologie, die sich selbst verwirklichen und ausbreiten will.

Historisch verortet Pilkington die Wurzeln des Liberalismus in der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts und in John Lockes Staatsphilosophie. Pilkington: »Er war eine Revolution, eine republikanische Revolution von [Oliver] Cromwell gegen den Monarchen. Karl I. verlor [am 30. Januar 1649] seinen Kopf. Wenn ein König seinen Kopf verliert, hat man es nicht mit einem Bürgerkrieg zu tun. Du hast es mit einer Revolution zu tun und es gab eine kurze Zeit, in der England eine Republik war

Von dort aus habe sich das Denken über das britische Empire, die atlantischen Revolutionen und schließlich nach 1945 über die USA global verbreitet. Entscheidend sei jedoch: Liberalismus sei selten in »Reinform« praktiziert worden. Meist sei er durch nationale, religiöse oder soziale Gegengewichte eingebettet gewesen. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges habe er »die Handschuhe ausgezogen« und versucht, sich innen- wie außenpolitisch ungehemmt durchzusetzen.

Militärische Interventionen – von Serbien über den Irak bis zur Ukraine – deutet Pilkington als Ausdruck dieses missionarischen Liberalismus. Der Anspruch, universelle Werte zu verbreiten, sei dabei regelmäßig mit machtpolitischer Hegemonie verschmolzen. Der Liberalismus erscheine so nicht als Gegenmodell zum Imperium, sondern als dessen moderne Rechtfertigungsideologie.

Der Bruch zwischen Markt und Demokratie

Besonders scharf analysiert Pilkington das Verhältnis von Liberalismus, Demokratie und Kapitalismus. Die heute geläufige Formel der »liberalen Demokratie« hält er für eine historisch junge, vor allem nach 1945 unter US-Führung entstandene Synthese. Liberalismus selbst sei lange keineswegs demokratisch gewesen; seine ideengeschichtlichen Leitfiguren hätten auch mit autoritären Ordnungen koexistiert.

Mit der Globalisierung der 1990er Jahre sei diese Spannung offen zutage getreten. Politik sei zunehmend nicht mehr daran gemessen worden, ob sie den Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten hebt, sondern ob sie einem abstrakten Ideal globaler Markteffizienz entspricht. Produktionsverlagerungen, Deindustrialisierung und wachsende Ungleichheit im Westen seien als bedauerliche, aber notwendige Nebenfolgen einer angeblich »optimalen« Weltwirtschaft hingenommen worden.

In den USA habe dies zu einer tiefgreifenden Umstrukturierung geführt: vom produktiven Industriearbeiter zum verschuldeten Konsumenten. Das zugrunde liegende Modell beschreibt Pilkington als »finanzialisiertes System«, das auf dauerhaften Handelsdefiziten beruht. Diese seien nur möglich gewesen, weil der Rest der Welt bereit war, Dollarreserven und US-Vermögenswerte zu halten. Der Dollar fungierte so als globales Machtinstrument – eine Art indirekte Besteuerung der gesamten Welt.

Doch dieses System erodiere. Spätestens seit der Beschlagnahmung russischer Devisenreserven 2022 sei das Vertrauen in die politische Neutralität des Dollars erschüttert. Wenn immer mehr Staaten ihre Abhängigkeit vom Dollar reduzierten, müssten die USA ihren Lebensstandard stärker an die eigene reale Produktionsbasis anpassen – mit potenziell massiven sozialen und politischen Verwerfungen.

Vom Produktivkapitalismus zur Rentenökonomie

Parallel dazu beschreibt Pilkington einen inneren Strukturwandel westlicher Volkswirtschaften: den Übergang von produktivem Kapitalismus zu einer rentenbasierten Ökonomie. Klassische Ökonomen hätten noch klar zwischen Gewinn aus produktiver Tätigkeit und Rente aus Besitz- oder Monopolpositionen unterschieden. In der heutigen Finanzökonomie verschwimme dieser Unterschied.

Wenn Investitionen in reale Produktion an Attraktivität verlieren, verlagere sich Kapital in Bereiche, in denen Einkommen vor allem durch Abschöpfung bestehender Werte entsteht: Immobilien als Mietmaschine, Private-Equity-Strategien, die Firmen ausnehmen, oder Geschäftsmodelle, die auf Verschuldung, Gebühren und »Lasterkonsum« beruhen – von Glücksspiel über Porno-Apps bis zur digitalen Vermarktung sonstiger Süchte. Pilkington: »Wenn man die Menschen bei bestimmten Produkten einfach gewähren lässt, treiben sie es wirklich bis zum Äußersten. Und das haben sie z.B. mit Opiaten in den USA gemacht. Sie versuchten eine Zeitlang Opiate zu vermarkten und zerstörten dadurch einen großen Teil des sozialen Gefüges. Und jetzt tun sie es durch Glücksspiel, hauptsächlich durch Gamifizierung und ähnliches. Ich denke, das ist im Grunde ein Versuch, Konsumhebel zu finden oder Wege, [um den] Menschen Geld zu entziehen, die sonst nicht möglich wären.«

Für Pilkington ist das eine ökonomisch wie sozial nicht nachhaltige Entwicklung. Im Gegenteil: Sie verstärkt das Gefühl von Sinnverlust und Instabilität.

Das Ende des globalen Liberalismus – und was folgt

Der »Zusammenbruch« bedeutet für Pilkington nicht zwangsläufig den Kollaps der Weltwirtschaft, wohl aber das Ende eines spezifischen Ordnungsmodells: einer US-zentrierten, liberal legitimierten Globalisierung mit weitgehend freien Kapitalströmen und normativem Universalismus. An ihre Stelle trete eine multipolare Welt, in der große Zivilisationsräume wieder stärker aus ihren eigenen historischen Traditionen heraus agieren.

China dient ihm als Prototyp eines postliberalen Modells: marktwirtschaftlicher Wettbewerb auf Unternehmensebene, aber strategische Lenkung von Kapital und Ressourcen durch den Staat – ein moderner Dirigismus mit konfuzianischen Zügen. Auch Russland, Indien oder Akteure im Nahen Osten interpretiert er als Gesellschaften, die sich ideologisch und institutionell stärker auf zivilisatorische Kontinuitäten besinnen.

»Und was wir sehen, was meiner Meinung nach das Interessanteste ist, was in den letzten Wochen passiert ist, ist die Entstehung einer Art sunnitischer NATO im Nahen Osten, was zunehmend danach aussieht, als würde die Region zu ihrer Form vor 1914 zurückkehren. Im Grunde ein sunnitischer Block, der früher Osmanisches Reich genannt wurde. (…) und ein schiitischer Block, was früher Persien war.«

Für Europa und Nordamerika sieht Pilkington zwei Möglichkeiten. Entweder drohe ein schleichender »Entzivilisierungsprozess«: institutioneller Verfall, sinkende Kompetenz, politische Dysfunktion – ein langsames Vergessen, wie komplexe Systeme eigentlich funktionieren. Oder aber es gelinge eine postliberale Neuorientierung, die wieder stärker auf soziale Kohäsion, kulturelle Verwurzelung und reale Wirtschaftsleistung setzt, statt auf abstrakte Marktideale und moralischen Universalismus.

Pilkington: »Ich glaube, (…) die Führungsschicht in Europa ist, würde ich sagen, absichtlich schwach, wenn man das so interpretieren möchte, aber sie ist auf jeden Fall sehr schwach. Also wissen wir nicht, wohin das alles führen wird, aber ich denke, wir müssen in Europa wieder zu den Grundlagen zurückkehren, um ehrlich zu sein

Sicher ist für ihn nur eines: Die Epoche, in der der Westen seine eigene Ordnung als universelles Endstadium der Geschichte verstand, geht zu Ende. Die Welt nach dem Liberalismus werde pluraler, machtpolitischer und zivilisatorisch vielfältiger sein – und deutlich weniger überzeugt davon, dass ein einziges Modell für alle gilt.

Ganz ohne Konflikte werde dieser Umbruch aber nicht verlaufen, vermutet Pilkington: »Ich erwarte viele Scharmützel und kleinere Kriege, während wir in die multipolare Phase eintreten, aber ich denke, sie werden recht begrenzt bleiben. (…) Ich denke also, wenn wir es schaffen zu verhindern, dass ein echter Irrer den Finger auf den nuklearen Knopf legt oder dass wirklich verrückte Leute in Amerika, während das Land an globaler Bedeutung verliert, ein Streit mit z.B. China über Taiwan beginnen und wir am Ende einen versenkten Flugzeugträger haben, wo entschieden werden muss, ob man den nuklearen Knopf drückt oder nicht, dann könnten wir das Schlimmste vermeiden.«

Doch eine Sorge bleibt am Ende: »Werden die Europäer zivilisiert genug bleiben, um zu verstehen, was vor sich geht? Oder werden wir gewissermaßen zur elektronischen Variante der Analphabeten im Pelz zurückkehren?«

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