Die systemischen Widersprüche des BGE

Der Schweizer Kommunikationstrainer, Businesscoach und Berater Salvatore Princi hat in einem aktuellen YouTube-Beitrag eine grundsätzliche, systemische Kritik am »bedingungslosen Grundeinkommen« (BGE) im Kontext der KI-getriebenen Transformation moderner Gesellschaften entwickelt. Seine Kernaussagen lassen sich zu einem stringenten Argumentationsstrang verdichten, der weniger moralisch als vielmehr funktional angelegt ist.

Ausgangspunkt seiner Argumentation ist eine Neubewertung der Wirkung von Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt. Anders als frühere Automatisierungswellen ersetzt KI nicht primär einzelne Berufe, sondern entwertet ganze Rollenprofile. Automatisiert wird vor allem kognitive Wertschöpfung: Analyse, Planung, Schreiben, Entscheiden. Genau jene Tätigkeiten also, die über Jahrzehnte stabile Einkommen, gesellschaftlichen Status und die Steuerbasis moderner Staaten getragen haben. Die Folge ist nicht eine schlagartige Massenarbeitslosigkeit, sondern eine schleichende Erosion: weniger Arbeitsstunden, mehr projektbasierte Beschäftigung, sinkende Löhne und abnehmende Verhandlungsmacht – selbst bei gleichbleibender Qualifikation. Die Arbeit verschwindet nicht, aber ihr ökonomischer Wert schrumpft, besonders in der Mitte des Arbeitsmarktes.

Damit wird eine zentrale Annahme offengelegt: Produktivitätsgewinne durch KI verteilen sich nicht automatisch. Sie konzentrieren sich dort, wo Eigentum an Modellen, Plattformen, Daten und Kapital liegt. Staaten finanzieren sich jedoch primär über menschliche Arbeit und arbeitseinkommensbasierten Konsum. Wenn diese Grundlage erodiert, gerät nicht nur Beschäftigung, sondern die Finanzierungsbasis des Sozialstaats unter Druck. Vor diesem Hintergrund erscheint das (bedingungslose) Grundeinkommen vielen als logische, fast unvermeidliche Antwort: Einkommen von Arbeit entkoppeln, Sicherheit garantieren, Menschen an maschineller Wertschöpfung beteiligen.

Princi argumentiert jedoch, dass diese Logik trügerisch ist. Das Problem des BGE sei nicht primär die Finanzierbarkeit im Sinne knapper Ressourcen. Global betrachtet wäre genug Geld vorhanden; entscheidend seien politische Prioritäten. Der eigentliche Kritikpunkt lautet: Ein Grundeinkommen verändert nichts an den Strukturen, die Ungleichheit und Machtkonzentration erzeugen. Es verteilt Geld, ohne Macht zu verteilen. Es stabilisiert Konsum, ohne Teilhabe zu schaffen. Politisch ist das attraktiv, weil bestehende Eigentums-, Macht- und Budgetstrukturen unangetastet bleiben.

Der erste zentrale innere Widerspruch betrifft die Finanzierung. Ein dauerhaftes Grundeinkommen setzt eine stabile, verlässliche Steuerbasis voraus. Gleichzeitig geht es von der Annahme aus, dass menschliche Arbeit als Einnahmequelle an Bedeutung verliert. Diese beiden Voraussetzungen widersprechen sich. Versuche, stattdessen KI-Produktivität oder Kapital stärker zu besteuern, stoßen auf globale Mobilität, Standortwettbewerb und wachsende Verhandlungsmacht großer Technologiekonzerne. Die wahrscheinliche Folge ist eine weitere Verschiebung der Steuerlast auf Arbeit und Konsum. Je notwendiger ein Grundeinkommen wird, desto schwieriger wird seine Finanzierung.

Der zweite Widerspruch liegt in den Marktreaktionen. Ein garantiertes Einkommen schafft verlässliche Kaufkraft, und Märkte reagieren darauf – insbesondere dort, wo das Angebot strukturell knapp ist. Wohnen, Gesundheit, Pflege, Bildung oder lokale Dienstleistungen lassen sich nicht beliebig skalieren. Mehr Geld erzeugt hier kein Mehr an Angebot, sondern steigende Preise. Inflation erscheint nicht als einmaliger Schock, sondern schleichend: höhere Mieten, steigende Zuzahlungen, sinkende Qualität. Vermögende profitieren, Vermögenslose verlieren real an Kaufkraft. Das Grundeinkommen wirkt wie ein Preissockel, der Sicherheit verspricht, sie aber teilweise selbst untergräbt.

Eine neue gesellschaftliche »Klasse der Nutzlosen«?

Der dritte Kritikpunkt betrifft die gesellschaftliche Funktion von Arbeit. Arbeit ist mehr als Einkommen; sie strukturiert Zeit, stiftet Sinn, Anerkennung und soziale Einbettung. Ein Grundeinkommen ersetzt Geld, aber keine gesellschaftliche Rolle. Wenn große Teile der Bevölkerung dauerhaft nicht mehr gebraucht werden, entsteht eine neue Form struktureller Entwertung: Menschen sind versorgt, aber überflüssig. Historische Erfahrungen zeigen, dass solche Zustände eher zu Sinnverlust, psychischer Belastung, politischer Frustration und Radikalisierung führen als zu kollektiver Selbstverwirklichung. Das BGE normalisiert diesen Zustand, statt ihn zu überwinden.

In seinem Buch ›Homo Deus‹ schrieb der israelische Historiker Yuval Harari »So wie die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts eine neue Klasse hervorbrachte, die urbane Arbeiterklasse, werden wir im 21. Jahrhundert die Erschaffung der Klasse der Nutzlosen erleben. Menschen ohne wirtschaftliche Bedeutung und dadurch auch ohne politische Macht.«

Viertens verschiebt sich die politische Macht. Wenn das Existenzminimum nicht mehr aus eigener Wertschöpfung, sondern aus staatlicher Zuteilung stammt, wird wirtschaftliche Sicherheit abhängig von politischen Entscheidungen. »Bedingungslos« ist dabei irreführend: Höhe, Anpassung und Ausgestaltung sind immer politisch verhandelbar. Gleichzeitig bleibt die Kontrolle über Produktivität bei Kapital und Technologie. Es entsteht eine Asymmetrie zwischen konzentrierter Wertschöpfungsmacht und breiter Abhängigkeit von Versorgung. Versorgung lässt sich verwalten, Einfluss nicht.

Schließlich verweist Princi auf den globalen Kontext. In offenen Gesellschaften erzeugt ein existenzsicherndes, universelles Grundeinkommen erheblichen Migrationsdruck. Entweder gilt es dann für alle – mit explodierenden Kosten –, oder es wird eingeschränkt und verliert seinen universellen, bedingungslosen Charakter. In der Praxis führt dies zu neuen Grenzziehungen nach innen oder außen und macht das Grundeinkommen paradoxerweise zu einem Argument für Abschottung.

Sein Fazit ist eindeutig: Das bedingungslose Grundeinkommen scheitert nicht an Details, sondern an systemischen Widersprüchen. Es wirkt wie ein Beruhigungsmittel für ein System, das menschliche Arbeit entwertet, ohne die zugrunde liegende Macht- und Eigentumsverteilung zu verändern. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie hoch ein Grundeinkommen sein müsste, sondern ob die Gesellschaft akzeptieren will, dass Menschen zwar (materiell) abgesichert, aber strukturell bedeutungslos werden.

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