Die Überlebenden und die glücklichen Toten

Seit 80 Jahren arbeiten Politiker, Militärs und Wissenschaftler an Waffen und Plänen, die geeignet sind, den Planeten zu vernichten und alles Leben mehrfach auszulöschen. Und sie haben diese Waffen immer mehr perfektioniert. Was bedeutet ein Atomkrieg wirklich? Und wie sehen die dazu entwickelten Kriegsspiele aus?

Seit Jahrzehnten ist der (führ- und gewinnbare) Atomkrieg Teil der politischen Rhetorik, doch seine physikalische und biologische Realität wird systematisch verharmlost. In einem aufschlussreichen Gespräch zerlegen Professorin Ivana Hughes und Professor Steven Starr diese Illusion Schritt für Schritt und zeigen, dass moderne Kernwaffen nicht einfach »stärkere Bomben« sind, sondern ein grundsätzlich anderes Zerstörungsinstrument darstellen – mit Folgen, die weit über das Schlachtfeld hinausreichen. ÆON-Z berichtete mehrfach über Studien und Szenarien.

A. Explosionen jenseits der Vorstellungskraft

Die historischen Referenzpunkte Hiroshima und Nagasaki wirken heute trügerisch beruhigend. Die dort eingesetzten Bomben setzten beim Abwurf auf Hiroshima (»Little Boy«) rund 15 Kilotonnen TNT-Äquivalent frei. »Fat Man«, die Nagasaki-Bombe, hatte eine Sprengkraft von etwa 21 Kilotonnen TNT. Moderne strategische Sprengköpfe liegen meist zwischen 100 und 800 Kilotonnen, also beim Sieben- bis Fünfzigfachen. Extremwaffen wie die sowjetische Zar-Bombe erreichten mit rund 52 Megatonnen eine Sprengkraft, die etwa 4.000-mal über der von Hiroshima lag. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl selbst, sondern ihre Wirkung: Eine Explosion mit vielfacher Energie entzündet keine vielfach größere Fläche, sondern ein um Größenordnungen größeres Gebiet. Die Brandzone wächst exponentiell.

Schon eine einzelne 800-Kilotonnen-Detonation würde über einer Großstadt eine Feuerkugel von etwa anderthalb Kilometern Durchmesser erzeugen. Ihre Oberfläche ist heißer als die der Sonne. Alles darunter verdampft in Sekundenbruchteilen. Innerhalb von Minuten vereinigen sich unzählige Einzelbrände zu einem nuklearen Feuersturm, der Luft mit mehreren hundert Kilometern pro Stunde ansaugt. Die Temperaturen steigen dabei auf 400 bis 500 Grad Celsius – weit über dem Punkt, an dem Wasser kocht und organisches Leben überleben kann.

Warum Atomwaffen mehr als »großen konventionelle Bomben« sind

Chemische Explosionen setzen nahezu ihre gesamte Energie in Druck und Splitterwirkung um. Atomwaffen dagegen verteilen ihre Energie anders: Rund ein Drittel wird unmittelbar in Hitze umgesetzt, ein weiterer Teil in hochenergetische Strahlung. Gammastrahlen und Neutronen durchdringen Körper, zerstören die DNS und töten Zellen auch jenseits der sichtbaren Zerstörungszone. Selbst dort, wo Gebäude stehen bleiben, ist Leben oft nicht mehr möglich.

Die unsichtbare Langzeitwaffe: radioaktive Isotope

Noch zerstörerischer als die Explosion selbst ist der Fallout. Kurzlebige Isotope wie Jod-131 mit einer Halbwertszeit von acht Tagen verschwinden relativ schnell, reichern sich aber währenddessen gezielt in der Schilddrüse an und führen zu stark erhöhten Krebsraten. Schwerwiegender sind langlebige Spaltprodukte: Strontium-90 und Cäsium-137 besitzen Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren, bleiben also über Jahrhunderte biologisch aktiv. Strontium verhält sich wie Kalzium und lagert sich in Knochen ein, Cäsium imitiert Kalium und wird in Muskeln und Organen verteilt. Beide bestrahlen den Körper von innen.

Plutonium-239 schließlich, mit einer Halbwertszeit von rund 24.500 Jahren, bleibt über geologische Zeiträume gefährlich. Bereits winzige eingeatmete Mengen erhöhen drastisch das Lungenkrebsrisiko. Messungen auf den Marshallinseln zeigen, dass solche Isotope selbst 70 Jahre nach den Tests noch in Böden und Nahrungsmitteln nachweisbar sind.

Wer besonders leidet

Strahlung trifft nicht alle gleich. Untersuchungsdaten zeigen, dass Kinder bei gleicher Dosis ein deutlich höheres lebenslanges Krebsrisiko haben als Erwachsene. Frauen sind in allen Altersgruppen stärker betroffen als Männer. Diese Unterschiede werden in offiziellen Risikomodellen häufig geglättet – mit der Folge, dass reale Opferzahlen unterschätzt werden.

Vom Feuersturm zum globalen Klimaschock

Die gravierendste Erkenntnis betrifft die globale Wirkung. Bei einem großen Atomkrieg würden nach heutigen Modellen rund 150 Millionen Tonnen Ruß aus den brennenden Städten in die Stratosphäre gelangen. Dort kann er nicht ausgewaschen werden und verteilt sich binnen weniger Tage über den gesamten Globus. Das Sonnenlicht würde massiv abgeschirmt: Auf der Nordhalbkugel kämen bis zu 70 Prozent weniger Licht am Boden an. Selbst am hellen Sommertag entspräche die Helligkeit etwa der eines Vollmonds um Mitternacht.

Die Folge wäre ein rapider Temperatursturz. Innerhalb von zwei Wochen fielen die Temperaturen weltweit, in großen Landregionen jahrelang unter den Gefrierpunkt. Niederschläge würden um bis zu 90 Prozent zurückgehen. Landwirtschaft wäre praktisch unmöglich. Da die Weltbevölkerung nur über Vorräte für etwa 50 bis 60 Tage verfügt, würde selbst ein regional begrenzter Atomkrieg Milliarden Hungertote nach sich ziehen. Ein umfassender Schlagabtausch zwischen den USA und Russland bedeutete das faktische Ende der Zivilisation.

B. Planspiele für’s Aussterben

Im Schatten der bekannten Zahlen zu Sprengkraft, Strahlung und nuklearem Winter existiert eine zweite, oft verdrängte Ebene der Atomkriegsgefahr: konkrete militärische Planspiele. Sie zeigen, dass ein Atomkrieg in Europa – und besonders in Deutschland – nicht nur theoretisch denkbar war, sondern bis ins Detail durchgerechnet wurde. Diese Szenarien machen deutlich, warum Mitteleuropa im Ernstfall kaum Überlebenschancen gehabt hätte.

Europa als atomarer Hauptkriegsschauplatz

Alle großen Atomkriegsspiele des Kalten Krieges haben eines gemeinsam: Europa wäre nicht Nebenschauplatz, sondern primäres Schlachtfeld gewesen. Die geographische Nähe der NATO- und Warschauer-Pakt-Streitkräfte, die hohe Bevölkerungsdichte und die Konzentration militärischer Infrastruktur machten insbesondere die Bundesrepublik Deutschland zum zentralen Zielgebiet. Während die USA und die Sowjetunion strategische Tiefe besaßen, lag Deutschland im Zentrum der Aufmarschzonen – ohne Ausweichraum.

Operation Unthinkable: Der frühe Tabubruch

Bereits 1945 ließ Winston Churchill mit ›Operation Unthinkable‹ ein Szenario ausarbeiten, in dem westliche Truppen – notfalls mit deutschen Einheiten – gegen die Sowjetunion vorgehen sollten. Obwohl damals Atomwaffen noch kaum eingeplant waren, markiert der Plan den mentalen Beginn eines Denkens, in dem Europa als Schlachtfeld akzeptiert wurde. Die implizite Annahme: Massive Zerstörung auf dem Kontinent sei politisch hinnehmbar, solange die großen Mächte überleben.

Plan Totality und Dropshot: Deutschland im Fadenkreuz

Mit der US-Strategie ›Totality‹ (1945/46) und später ›Operation Dropshot‹ (1950) wurde der Atomkrieg konkret. ›Dropshot‹ sah im Kriegsfall den Einsatz von rund 300 Atombomben gegen sowjetische Ziele vor – zugleich aber auch massive Gegenschläge in Europa. West- und Ostdeutschland, Polen sowie die Tschechoslowakei galten als Durchmarsch- und Vernichtungszonen. Städte wie Hamburg, Frankfurt, Köln, Berlin, Leipzig und Dresden tauchten explizit in Zielkatalogen auf, nicht nur wegen ihrer Industrie, sondern auch zur »Flächenneutralisierung«.

Die damaligen Bomben lagen bereits bei 100 bis 500 Kilotonnen Sprengkraft. Ein einzelner Treffer hätte eine Großstadt vollständig zerstört, mehrere Treffer pro Region waren einkalkuliert. Für Deutschland bedeutete das: kaum eine größere Stadt wäre verschont geblieben.

›Seven Days to the River Rhine‹: Der atomare Durchbruch

Besonders drastisch war die streng geheime sowjetische Angriffsdoktrin bzw. das Blitzkrieg-Szenario ›Sieben Tage bis zum Rhein‹ (russisch: Семь дней до реки Рейн) aus dem Jahr 1979. Es simulierte einen NATO-Erstschlag mit taktischen Atomwaffen gegen polnische und tschechoslowakische Städte – gefolgt von einem massiven sowjetischen Antwortschlag gegen Westdeutschland, Belgien, die Niederlande, Dänemark und Nordostitalien. Innerhalb weniger Tage wären hunderte Atomsprengköpfe auf deutschem Boden detoniert, darunter auch sogenannte »Gefechtsfeldwaffen« im Bereich von zehn bis 50 Kilotonnen TNT. Die Sowjets planten den Einsatz von Atomwaffen mit einer Gesamtsprengkraft von etwa 7,5 Megatonnen. Die österreichische Hauptstadt Wien sollte mit zwei 500-Kilotonnen-Bomben getroffen werden. In Italien sollten Vicenza, Verona, Padua und mehrere Militärstützpunkte mit je einer 500-Kilotonnen-Bombe angegriffen werden. Die ungarische Volksarmee sollte anschließend Wien einnehmen. In Westdeutschland sollten Stuttgart, München und Nürnberg mit Atomwaffen zerstört und anschließend von den tschechoslowakischen und ungarischen Streitkräften besetzt werden. In Dänemark wären Roskilde und Esbjerg die ersten Ziele für Atomangriffe gewesen.

Diese Waffen galten offiziell als »begrenzt einsetzbar«. Tatsächlich hätten sie ganze Landstriche radioaktiv verseucht. Das Szenario rechnete offen damit, dass große Teile der Bevölkerung in West- und Ostdeutschland sterben oder fliehen würden. Der Rhein war kein Rettungsziel, sondern lediglich eine militärische Linie in einer bereits verwüsteten Landschaft.

Able Archer 1983: Ein »Beinaheunfall«

Die europaweite NATO-Kommandostabsübung Able Archer 83 war kein theoretisches Gedankenspiel, sondern eine reale NATO-Übung. Sie simulierte die Eskalation von einem konventionellen Krieg bis zum Atomwaffeneinsatz. Neu waren realistische Kommunikationsabläufe, echte Befehlsketten und eine glaubhafte politische Eskalation. Genau das machte die Übung so gefährlich: Die sowjetische Führung hielt sie zeitweise für die Vorbereitung eines echten Erstschlags.

Wäre es zur Fehlinterpretation gekommen, hätten sowjetische Raketen zuerst Europa getroffen – nicht die USA. Deutschland wäre innerhalb von Minuten Ziel strategischer und taktischer Sprengköpfe geworden. Die Vorwarnzeit hätte teilweise unter zehn Minuten gelegen. Evakuierung, Zivilschutz oder medizinische Hilfe wären illusorisch gewesen.

Wintex-Cimex 1989: Der verbeamtete Untergang

Besonders aufschlussreich war die Stabsrahmenübung ›Wintex-Cimex 89‹, ein NATO-Drehbuch zur zivil-militärischen Krisensteuerung. Sie ging von einem Atomkrieg in Europa aus und simulierte Millionen Tote, den Zusammenbruch der Infrastruktur und den Verlust staatlicher Kontrolle. Sie überbot an Dramatik all die bisherigen Drehbücher, auf einen atomaren Erstschlag sollte diesmal auch ein Zweitschlag folgen. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (29/1989) schrieb: »Die im Nato-Drehbuch vorgesehenen 45 atomaren Bomben, Raketensprengköpfe und Artilleriegeschosse hätten im Ernstfall nicht nur, wie wissenschaftliche Berechnungen ergaben, weite Teile der Bundesrepublik und der DDR durch Feuerstürme und radioaktive Niederschläge verwüstet, sondern auch Millionen Menschen getötet. In Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn wären ganze Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar gewesen. Auf amerikanischen Befehl sollten bei diesem Manöver Dresden und Potsdam nuklear zerstört werden. Als Bundeskanzler Kohl informiert wurde, entschied er, sofort aus der Übung auszusteigen.« »Lasst diesen Unsinn«, sagte er, wie nachträglich der parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer, berichtete.

Für die Bundesrepublik bedeutete das Szenario: Der Staat hätte aufgehört zu funktionieren. Energieversorgung, Nahrungsmittelverteilung, medizinische Systeme und Kommunikation wären binnen Tagen kollabiert. Die Übung machte implizit klar, dass »Regierbarkeit« nach einem Atomkrieg eine Fiktion ist.

Alle diese Planspiele zeigen ein konsistentes Bild: Deutschland war nicht zu retten. Es war vorgesehen, Deutschland zu »nutzen«, um Zeit zu gewinnen, Kräfte zu binden oder Eskalation zu steuern. Die Kombination aus hoher Bevölkerungsdichte, urban-industrieller Struktur und militärischer Bedeutung hätte zu extrem hohen Opferzahlen geführt – nicht nur durch Explosionen, sondern durch Strahlung, Hunger und staatlichen Zusammenbruch.

Die Lehre aus den Planspielen

Diese Szenarien widerlegen die Vorstellung eines »begrenzten« Atomkriegs in Europa. Selbst Übungen, die von politischer Kontrolle und rationalen Entscheidungen ausgingen, endeten regelmäßig in vollständiger Verwüstung. Deutschland wäre kein Kollateralschaden gewesen, sondern integraler Bestandteil der Kriegsplanung.

Die Geschichte der Atomkriegsspiele ist deshalb keine historische Kuriosität, sondern eine Warnung: Europa war, und ist, im Ernstfall kein Schutzraum, sondern ein potenzielles Opferfeld. Wer heute von Abschreckung spricht, sollte sich bewusst machen, dass sie jahrzehntelang auf der stillschweigenden Inkaufnahme der Zerstörung ganzer Länder und der Ausrottung ihrer Bewohner beruhte.

Dennoch konnten die Nato-Militärs bisher nicht dazu gebracht werden, ihre Kriegsszenarien zu ändern. Für sie ist und bleibt Europa der Kriegsschauplatz, auf dem sie die Schlachten von gestern mit den Waffen von heute schlagen. Oder die Schlachten von morgen mit den Waffen von gestern.

Die Amerikaner wollen, wenn es denn zu einem Ost-West-Konflikt kommen sollte, nicht sofort den großen Atomschlag gegen die Sowjet-Union und damit ihre eigene Existenz riskieren. Sie proben den auf Europa begrenzten Krieg.

Eine nüchterne Bilanz

Die zentrale Botschaft aller Überlegungen zum Thema ist ebenso simpel wie verstörend: Atomwaffen sind keine politischen Druckmittel, sondern Auslöser eines potenziellen Aussterbeereignisses. Hiroshima und Nagasaki waren keine Belege für »Beherrschbarkeit«, sondern frühe Warnungen – mit Waffen, die im Vergleich zu heutigen Sprengköpfen winzig waren. Die Physik, die Biologie und die Klimaforschung sprechen eine eindeutige Sprache. Ignoriert wird sie nicht aus Unwissen, sondern aus Gewohnheit.

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