Armageddon und das messianische Zeitalter

In einem Gespräch mit dem norwegischen Politologen Glenn Diesen entwirft der ehemalige britische Diplomat Alastair Crooke eine finstere und zugleich provokante Deutung für die gegenwärtige Eskalationsdynamik im Nahen Osten. Um zu verstehen, weshalb die USA – an der Seite Israels – auf einen weiteren Krieg gegen den Iran zusteuerten, müsse man, so Crooke, weniger auf klassische sicherheitspolitische Rationalitäten blicken als auf einen Mix aus westlichem Niedergang, politischer Verzweiflung und einem zunehmenden Überhandnehmen des Irrationalismus im Westen.

Crooke argumentiert, der geplante Krieg gegen den Iran sei nicht primär aus einer akuten Bedrohungslage heraus zu erklären. Vielmehr werde ein Szenario konstruiert, in dem der Iran als letzte, entscheidende Bastion eines feindlichen Systems erscheine. Israel spiele dabei eine Schlüsselrolle. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu befinde sich innenpolitisch massiv unter Druck: Korruptionsverfahren, Vorwürfe des Verrats im Zusammenhang mit mutmaßlichen Katar-Zahlungen an sein Umfeld und wachsende Kritik innerhalb der israelischen Eliten ließen seinen politischen Spielraum schrumpfen. Ein Krieg gegen den Iran erscheine in diesem Kontext als »Flucht nach vorn« – populär in der israelischen Öffentlichkeit, anschlussfähig in den USA und geeignet, politische Blockaden zu überdecken.

Nach Crookes Darstellung hat Netanjahu in Gesprächen mit Donald Trump die Begründung für einen Angriff strategisch neu justiert. Nicht mehr die angeblich unmittelbar bevorstehende iranische Atombombe stehe im Zentrum, sondern die Gefahr, der Iran könne durch den Aufbau eines neuen, integrierten Raketen- und Luftabwehrsystems künftig unangreifbar werden. Daraus leite sich ein vermeintlich »enges Zeitfenster« für militärisches Handeln ab. Trump habe dieser Logik zugestimmt und faktisch »grünes Licht« gegeben.

Doch Crooke sieht hinter dieser militärischen Argumentation tiefere ideologische Triebkräfte. Teile der israelischen Rechten, insbesondere das nationalreligiöse Lager, dächten nicht in Kategorien nüchterner Kosten-Nutzen-Abwägungen. Der Krieg werde vielmehr als Teil eines messianischen Geschichtsverständnisses begriffen. Führende Akteure erwarteten – oder akzeptierten – eine große, reinigende Krise. Crooke spricht offen von einer eschatologischen Erwartungshaltung: Man blicke nicht mit Angst auf ein mögliches Armageddon, sondern mit Hoffnung, weil ein apokalyptischer Konflikt als notwendige Voraussetzung für das Kommen eines messianischen Zeitalters gelte. Der Krieg werde damit nicht trotz, sondern wegen seiner potenziell zerstörerischen Folgen in Kauf genommen. Am Ende steige ein »Eretz Israel« (Großisrael) wie Phoenix aus der Asche siegreich empor.

Zugleich warnt Crooke davor, diese Dynamik als rein israelisches Phänomen zu missverstehen. Auch im Westen selbst beobachte er eine Abkehr von rationalem Denken. Politische Konflikte würden zunehmend in moralisch-absoluten Kategorien verhandelt – als Kampf von Gut gegen Böse, von Licht gegen Dunkel. Diese manichäische Weltsicht, so Crooke, habe sich in den letzten Jahren tief in die politische Sprache der USA und Europas eingeschrieben. Sie erleichtere es, komplexe geopolitische Konflikte zu simplifizieren und militärische Eskalation moralisch aufzuladen.

Der mögliche Krieg gegen den Iran erscheint in Crookes Analyse daher als Symptom einer umfassenderen Krise: einer westlichen Ordnung, die an inneren Widersprüchen, ökonomischem Druck und ideologischer Erstarrung leidet. In dieser Gemengelage würden rationale Einwände marginalisiert, während religiöse, moralische und identitäre Narrative an Gewicht gewännen. Ob Israel, die USA oder der Westen insgesamt aus einem solchen Konflikt gestärkt hervorgingen, stellt Crooke ausdrücklich infrage. Sicher sei nur, dass »alle Vorzeichen auf Eskalation stehen« – und dass die Konsequenzen weit über den Nahen Osten hinausreichen dürften.

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