Können Deliberation (und KI) die Demokratie retten?

Können Deliberation (und KI) die Demokratie retten?

Deliberative¹ Demokratie – das klingt nach gemütlichen Gesprächsrunden, nicht nach Rettung für gebrochene politische Systeme. Doch der US-amerikanische Kommunikations- und Politikwissenschaftler an der Stanford University, James S. Fishkin, einer der prominentesten Praktiker dieser Idee, legt in Interviews und seinem neuen Buch² »Can Deliberation Cure the Ills of Democracy?« eine empirisch unterfütterte These vor: Gut gestaltete, repräsentative und moderierte Gesprächsformate (insbesondere ›Deliberative Polling‹) können drei Kernprobleme moderner Demokratien mildern – den schwer messbaren »Willen des Volkes«, die zunehmend scharfe parteipolitische Polarisierung und das rein »partei-tribale« Wahlverhalten – und zwar mit nachweisbaren, oft überraschend anhaltenden Effekten.

Als sich im Herbst 2019 mehrere Hundert zufällig ausgewählte Amerikanerinnen und Amerikaner in einem Hotel in Texas versammelten, begegneten sie einander mit einer Mischung aus Skepsis und Befremden. Viele hatten den Eindruck, in einem Raum voller politischer Gegner zu sitzen. »Ich war sicher, die Hälfte der Leute hier sei verrückt«, erzählte ein Teilnehmer später. »Und ich vermute, sie dachten dasselbe über mich.« Es ist der übliche Reflex in einem – wie Deutschland – zutiefst polarisierten Land. Doch an diesem Wochenende sollte vieles anders verlaufen, als es die amerikanische Öffentlichkeit gewohnt ist.

In Kleingruppen diskutierten die Besucherinnen und Besucher über Einwanderung, Wirtschaft, Rassismus, Klimapolitik und das Gesundheitssystem. Nicht im Stil hitziger Fernsehrunden, nicht bewaffnet mit Halbwissen aus den Sozialen Medien, sondern auf Basis identischer Informationsmaterialien, begleitet von Moderatorinnen und Moderatoren, die Konfrontation in Gespräche verwandelten und Dominanzgesten ausbremsten. Eine Art Labor der Demokratie, entworfen vom Politikwissenschaftler James S. Fishkin, dem wohl hartnäckigsten Verfechter der Idee, dass Bürgerinnen und Bürger klüger entscheiden, wenn sie Zeit bekommen, Dinge sorgfältig zu durchdenken.

»Wir haben schon lange eine Meinungs-Demokratie«, ist Fishkin überzeugt, »aber kaum je eine Demokratie der durchdachten Meinungen.« Dieser Satz ist so etwas wie das Motto seines Lebenswerks. Für ihn ist das größte Defizit moderner Demokratien nicht mangelnde Beteiligung, sondern eine Überfülle schlecht informierter, impulsiver und identitär aufgeladener Entscheidungen. Die Frage, die ihn seit Jahrzehnten umtreibt, lautet: Was geschieht, wenn man Bürgern Gelegenheit gibt, für kurze Zeit aus der Irrationalität der Empörung herauszutreten?

Die Antwort fiel in Texas überraschend aus. Denn nach dem Wochenende hatten viele Teilnehmer ihre zuvor festgefahrenen Ansichten deutlich abgeschwächt. Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern rückten einander näher, extreme Positionen verloren an Intensität, das Wissen über politische Sachverhalte stieg messbar an. Ein Jahr später zeigte eine Nachuntersuchung sogar, dass die »deliberierten« Einstellungen die tatsächliche Wahlentscheidung beeinflusst hatten. Die Effekte sind so ungewöhnlich, dass sie inzwischen weltweit Aufmerksamkeit finden.

Fishkins Methode, das sogenannte »Deliberative Polling«, unterscheidet sich von klassischen Bürgerforen durch ihren wissenschaftlichen Anspruch. Die Teilnehmenden werden per Zufallsauswahl rekrutiert, sodass sie die Bevölkerung möglichst gut abbilden. Sie erhalten vorab ausgewogene Informationsmaterialien. Expertinnen und Experten stehen für Fragen bereit. Und vor allem: Alle Teilnehmenden beantworten dieselben Fragen zweimal – vor und nach der Diskussion, anonym und unter Ausschluss sozialer Erwünschtheit. »Wir wollen keine erzwungenen Gruppenergebnisse«, erklärt Fishkin. »Das Ziel ist, dass jede Person individuell zu einer fundierten Meinung findet.«

Polarisationsindex (vorher/nachher): Diese Grafik zeigt beispielhaft, wie stark politische Einstellungen in einer Gruppe auseinanderliegen. Vor der Diskussion ist die Polarisierung höher – die Positionen sind also stärker verhärtet. Nach einer deliberativen Diskussion nähern sich die Teilnehmenden einander an, der Polarisationswert sinkt deutlich (nach James S. Fishkin).

Wissenszuwachs (vorher/nachher): Die Grafik veranschaulicht den typischen Informationsgewinn bei deliberativen Formaten. Vor der Diskussion sind viele Fakten unbekannt oder unklar. Nach dem Austausch mit Expertinnen und Experten sowie den moderierten Gesprächen steigt das Sachwissen deutlich an (nach James S. Fishkin).

Was nach politischem Idealismus klingt, hat in über dreißig Ländern handfeste Folgen gehabt. In Texas etwa veränderte sich die öffentliche Haltung zur Windenergie so deutlich, dass politische Blockaden verschwanden. In Japan erkannten Bürgerinnen und Bürger nach intensiver Diskussion die Risiken einer Rentenprivatisierung klarer. Und in der Mongolei wird es sogar verpflichtend: Vor Verfassungsänderungen muss die Bevölkerung heute in deliberativen Zufallsgruppen über die Reformen diskutieren. Ein weltweit einzigartiger Schritt.

Natürlich bleibt die Frage, ob sich dieses Modell überhaupt skalieren lässt. Fishkin weiß, dass man eine Demokratie nicht in Hotelsälen retten kann. Doch neue digitale Plattformen – inzwischen teilweise KI-gestützt – machen es möglich, deliberative Prozesse im Internet abzubilden: mit automatisierter Moderation, strenger Redezeitkontrolle und übersichtlicher Strukturierung der Argumente. »Die Technik ersetzt nicht die menschliche Urteilskraft«, sagt Fishkin. »Aber sie verschafft uns Räume, in denen wir einander wieder zuhören können.«

Kritik bleibt dennoch nicht aus. Manche Politiktheoretiker warnen, deliberative Formate könnten von Regierungen, beispielsweise durch die einseitige Auswahl von »Experten«, als Feigenblatt benutzt werden, um Entscheidungen zu legitimieren, die längst gefallen sind. Andere zweifeln daran, ob deliberative Erkenntnisse wirklich verbindlich in die politische Praxis übersetzt werden können. Und gewiss: Deliberation heilt keine Demokratien im Alleingang. Sie repariert weder Institutionen noch Medienökonomien, weder Wahlrecht noch soziale Ungleichheit.

Aber sie schafft – und das belegen die Studien eindrücklich – etwas, das in vielen Ländern selten geworden ist: Bedingungen, unter denen Bürgerinnen und Bürger argumentativ statt reflexhaft reagieren, einander zuhören, Komplexität akzeptieren und zu Positionen gelangen, die weniger von parteilichen, sozialen, ethnischen »Stammesloyalitäten« geprägt sind. Was die deliberierenden Menschen in Texas, Japan oder der Mongolei erleben, ist nicht das Ende der Polarisierung, aber eine Ahnung davon, wie Demokratie aussehen könnte, wenn sie das lärmende Hintergrundrauschen kurz ausblendet.

Fishkin selbst formuliert es nüchtern. Ob Deliberation die Übel der Demokratie »heilen« könne, wolle er gar nicht versprechen, sagt er. »Aber sie verschafft Menschen die Möglichkeit, sich von einem überhitzten Meinungsklima zu lösen. Und manchmal reicht das schon, damit sie politisch klüger entscheiden.« Vielleicht liegt in dieser Bescheidenheit die eigentliche Kraft seines Ansatzes: Er will nicht die ganze Demokratie erneuern – nur die Art, wie wir miteinander reden.

¹Deliberativ beschreibt eine überlegte oder abwägende Vorgehensweise der intensiven Beratschlagung, bei der »Argumente ausgetauscht, verschiedene Perspektiven betrachtet sowie die Vor- und Nachteile abgewogen werden, bevor entschieden wird«.
²Fishkin, James S, Can Deliberation Cure the Ills of Democracy? (Oxford, 2025; online edn, Oxford Academic, 3 Mar. 2025), https://doi.org/10.1093/9780198944447.001.0001.
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