Einmarsch der Gewalt ins Wolkenkuckucksheim
In einem Interview mit dem YouTube-Kanal »Thinking Class«, der sich der freien Rede verpflichtet sieht, zeichnet der kanadische Militärwissenschaftler David J. Betz ein düsteres Zukunftsbild westlicher Gesellschaften – allen voran Großbritanniens. Er spricht von einer schleichenden Auflösung politischer Ordnung, wachsender ethnischer Spannungen und dem echten Risiko eines zukünftigen Bürgerkriegs. Betz‘ Argumentation basiert dabei nicht auf dramatisierenden Einzelereignissen, sondern auf der Analyse struktureller Entwicklungen, die sich nach seiner Interpretation bereits seit Jahrzehnten abzeichnen.
Politikverdrossenheit, Demografie, Identität – die drei Säulen des Konflikts
Betz begründet seine Warnung vor inneren Konflikten mit drei zentralen Faktoren. Erstens erkenne er eine zunehmende »polar-faktionale«¹ Stimmung, also Lagerbildungen, die durch Angst und existenzielle Unsicherheit verstärkt würden. Menschen suchten Schutz in ihren »Stämmen« – ethnisch, religiös oder kulturell.
Zweitens verweist er auf die demografischen Veränderungen im Land. Der wissenschaftliche Begriff »Degradation« (Verdrängung eines Bevölkerungsteils) – in der öffentlichen Debatte eher als »Replacement« (Austausch) bekannt – dient ihm als analytische Beschreibung eines Prozesses, in dem die Mehrheitskultur an Selbstverständlichkeit verliert. Er betont, dass diese Verschiebungen reale politische Auswirkungen hätten, da Bevölkerungsgruppen zunehmend als geschlossene Wahlblöcke auftreten.
Drittens identifiziert Betz den Vertrauensverlust in politische Institutionen als hochgefährlich. Wenn große Teile der Bevölkerung den Eindruck gewinnen, Wahlen änderten ohnehin nichts, beginne der Boden der Demokratie zu bröckeln. Dieser Legitimationsverlust sei ein klassischer Vorläufer innerer Konflikte.
Schwindende Hemmnisse gegen Gewalt
Betz argumentiert, dass drei klassische Stabilitätsfaktoren im Niedergang begriffen seien: Wohlstand, eine gesellschaftliche Kultur des Gehorsams und ein kompetentes, geeintes Elitenmilieu.
Der jahrzehntelang wachsende Wohlstand habe Konflikte gedämpft, sei jedoch aufgrund ökonomischer Stagnation, staatlicher Überschuldung und der enttäuschten Erwartungen junger Menschen nicht mehr selbstverständlich. Auch der britische »Phlegmatismus« – die Tradition, politische Konflikte eher auszuhalten als auszutragen – erodiere zusehends. Schließlich sei die politische und administrative Elite weder kompetent noch geschlossen genug, um Krisen zu managen; interne Absetzbewegungen, populistische Gegenfiguren und »Quiet Quitting« (innere bzw. stille Kündigung) in den Institutionen signalisierten eine tiefe Systemkrise.
Demografie und politische Machtverschiebungen
An Beispielen wie dem Londoner Bürgermeisteramt (Sadiq Khan) oder jüngsten US-Entwicklungen (Wahl von Zohran Mamdani zum New Yorker Bürgermeister) deutet Betz an, dass veränderte ethnische Zusammensetzungen politische Kräfteverhältnisse dauerhaft verschieben können. Wo sich bestimmte Gruppen als Wahlblöcke organisieren, werde politische Macht zunehmend von identitären Dynamiken geprägt. Dies sei aus seiner Sicht kein Randphänomen, sondern ein grundlegender Trend, der in westlichen Metropolen bereits sichtbar sei.
Der Rückkehr des »Thymos«²
Betz deutet an, dass sich in Teilen der westlichen einheimischen Mehrheitsgesellschaft eine Rückkehr des »Thymos« (Lebenskraft), also eines lang unterdrückten Gerechtigkeits- und Ehrgefühls, feststellen lasse. Politische Erschütterungen wie der Brexit oder die Erfolge populistischer Parteien wertet er als Indikatoren eines wiedererwachenden Selbstbehauptungswillens. Denn eine Gesellschaft, die den Mut zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen verliere, verliere schließlich auch ihre Fähigkeit, Konflikte zu bestehen – ein Gedanke, den Betz aus der Kriegsforschung herleitet.
Intertribale Konflikte als ernsthafte Gefahr
Besondere Aufmerksamkeit widmet Betz der Tatsache, dass die Gruppe der »Nicht-Einheimischen« in sich keinesfalls homogen sei. Rivalitäten wie die zwischen Hindus und Muslimen im Vereinigten Königreich, sowie zwischen unterschiedlichen »Diaspora« oder religiösen Strömungen sowie intra-muslimischen Spaltungen (Pakistani gegen Bangladeschi, Somali gegen alle, Araber gegen Kurden) könnten bereits vor dem »großen Konflikt« eskalieren. Ereignisse wie die 2022er Unruhen in Leicester interpretiert er als Vorboten. Zudem weist er darauf hin, dass Extremisten gezielt solche ethnisch-sozialen Bruchlinien ausnutzen könnten – etwa durch Inszenierungen, Desinformation oder False-Flag-Operationen –, um Konflikte anzuheizen.
Das mögliche Szenario eines geteilten Landes
Betz greift das Modell* eines Analysten mit dem Pseudonym »El Inglés« auf, das Großbritannien im Konfliktfall in drei Zonen zerfallen sieht:
- Zone A – »Crown« (Krone): das schrumpfende, aber institutionell mächtige Establishment (Crown bezeichnet auch den Militär-, Geheimdienst- und Polizeiapparat des britischen Staates).
- Zone B – »Crescent« (Halbmond): dicht besiedelte muslimisch geprägte Enklaven, teilweise mit de-facto-Autonomie (sowie die militanten muslimischen Akteure im Allgemeinen).
- Zone C – »Pitchfork« (Mistgabel): die mehrheitlich britisch-ethnische Bevölkerung außerhalb der urbanen Zentren (inkl. autochthone britische paramilitärische und subparamilitärische Akteure).
Die Umrisse dieser Zonen seien bereits jetzt deutlich erkennbar, wenn auch informell. Im Ernstfall erwartet Betz keine klassischen Schlachtfelder, sondern Belagerungslogiken des 21. Jahrhunderts: systematische Sabotage von Infrastruktur, von Energienetzen oder Versorgungswegen, um die Gegnerterritorien unbewohnbar zu machen (d.h. auszuhungern). Die Städte oder Stadtteile könnten in fragmentierte, befestigte Wohngebiete zerfallen – ähnlich historischen Beispielen wie Belfast, Beirut oder Bagdad.
Die Grenzen des staatsbürgerlichen Nationalismus
Betz beschreibt sich selbst als überzeugten Verfechter eines integrativen, zivilen Nationalstaatsmodells. Doch mit Blick auf mögliche Eskalationen dämpft er die Hoffnungen: Wenn Gesellschaften in einen Zustand der Gewalt übergehen, trete ethnische und/oder religiöse Zugehörigkeit wieder in den Vordergrund. Bürgerliche Identitäten zerfielen dann zugunsten archaischer Loyalitäten. Diese Einschätzung formuliert er nicht normativ, sondern als nüchterne Beobachtung aus Konfliktforschung und Geschichtswissenschaft.
Ein persönlicher Schluss
Zum Ende spricht Betz über persönliche Wendepunkte: seine Rückkehr zum Glauben, ausgelöst vor allem durch die Erfahrung von Vaterschaft, und seine Neubewertung des Nationalstaats, den er nun als unverzichtbares Bindeglied einer funktionierenden Gesellschaft begreift. Beide Veränderungen sind für ihn Reaktionen auf die Einsicht, dass moderne westliche Gewissheiten – Individualismus, Säkularismus, Globalismus – keine stabilen Ordnungsprinzipien bieten, wenn eine Gesellschaft in die Krise gerät.
*Nachtrag:
Der Text »Crown, Crescent, Pitchfork« entwirft das Bild einer dramatischen Zuspitzung ethnisch-religiöser Spannungen in Großbritannien und, darüber hinaus, im westlichen Europa. Ausgehend von bestehenden demografischen und gesellschaftlichen Bruchlinien beschreibt er ein dreigeteiltes Land, in dem muslimisch dominierte, gemischte und überwiegend autochthon-britische Zonen entstehen. In diesem Szenario droht die Eskalation zu einem offenen Bürgerkrieg – mit territorialen und sozialen Fragmentierungen, wie sie seit Jahrzehnten in Westeuropa als undenkbar galten.
Im Einzelnen prophezeit der Text die Ausbildung paramilitärisch agierender Gruppen auf beiden Seiten, zunehmende territoriale Abschottung und eine gezielte Destabilisierung durch Angriffe auf Versorgung, Infrastruktur und öffentliche Ordnung. Besonders bedrohlich erscheint dabei die Möglichkeit gezielter logistischer Sabotage, sog. »Food-Denial-Operationen« (Lebensmittelblockaden), die innerhalb weniger Tage zum Zusammenbruch der urbanen Versorgung sowie zu massiven Unruhen führen könnten. Auslöser sei jedoch nicht die tatsächliche Kalorienreduktion, sondern der psychologische Kollaps. Bereits nach 48 Stunden würde Panik ausbrechen: Hamsterkäufe, leere Regale, Plünderungen, Zusammenbruch der Ordnung. Die Lebensmittelblockade sei primär eine »Psyop« – eine psychologische Operation zur Zerstörung der sozialen Ordnung.
Die Rolle des Staates, vor allem der Streitkräfte, beschreibt das Szenario als zutiefst ambivalent, da das Personal selbst strukturell und sozial mit beiden Polen der Konfliktparteien verbunden ist: Zwischen Loyalität zur eigenen Gemeinschaft und verpflichtender Staatsräson könnten Polizei und Armee in einen kaum lösbaren Zielkonflikt geraten. Zudem könnten digitale Desinformationskampagnen (»Dark Propaganda«), mit Hilfe von KI-unterstützter Manipulation und Deepfakes, bereits bestehende soziale Spannungen weiter verschärfen und zusätzliche Minderheitengruppen in den Konflikt verwickeln.
Kritisch ist anzumerken, dass das Dokument die Komplexität gesellschaftlicher Prozesse und die Vielfältigkeit von Motivationen, Identitäten und Reaktionen in Krisensituationen teilweise ausblendet und eine fast mechanistische Eskalationslogik verfolgt. Demografie, Technologie und Gruppenidentität werden als nahezu automatisch gewalttreibende Kräfte konstruiert, was empirisch und aus Sicht der Friedens- und Konfliktforschung nur zum Teil haltbar ist. Alternative Szenarien – erfolgreiche Integration, friedliche demografische Anpassung, effektive Staatsintervention – werden nicht ernsthaft erwogen. Jede Annahme tendiert in Richtung Konflikt und Staatsversagen.
Dennoch ist die Analyse ein aufrüttelnder Beitrag in der Debatte um gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Risiken von Segregation und Polarisierung in europäischen Gesellschaften: Sie zwingt zur Auseinandersetzung mit Worst-Case-Szenarien, die – wenngleich in der vorliegenden Zuspitzung wenig wahrscheinlich – verdeutlichen, wie fragil soziale Ordnung und multikulturelle Koexistenz sein können, wenn zentrale gesellschaftliche und politische Akteure versagen oder sich gegenseitig blockieren.
¹Das Wort »faktional« bezeichnet eine Darstellungsform oder ein Werk, das Elemente aus Fakten und Fiktion miteinander verbindet oder vermischt.
²Thymos: Ein griechisch-antikes, männliches Konzept, das mit Lebensgeist, Mut, Tatendrang und dem Verlangen nach Anerkennung übersetzt werden kann.
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