Demografie: Sag beim Abschied leise Servus

Verabschiedet sich die deutsche Stammbevölkerung schneller und dramatischer von der weltgeschichtlichen Bühne als bisher angenommen? Nicht mit einem Knall, sondern mit einem langen, leisen Schluchzen¹? So jedenfalls hat es das ifo Institut (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.) laut Pressemitteilung vom 17.02.2026 errechnet.

Der vorgelegte Beitrag zur »künftigen Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland« analysiert die neue, 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (KBV) des Statistisches Bundesamts und kommt zu einem Befund, der deutlich pessimistischer ausfällt als alle bisherigen offiziellen Annahmen. Während die 15. KBV aus dem Jahr 2022 noch von einer bis 2070 weitgehend stabilen Bevölkerungszahl ausging, rechnet die neue Vorausberechnung nun mit einem Rückgang um rund zehn Prozent gegenüber dem heutigen Stand. Deutschland würde damit nicht nur altern, sondern auch spürbar schrumpfen – und zwar schneller und stärker als bislang erwartet.

Der Kern dieser Abweichung liegt weniger in abrupt veränderten langfristigen Zielannahmen als vielmehr in der neuen Ausgangsbasis und in veränderten Anpassungspfaden. Bevölkerungsvorausberechnungen sind keine Prognosen im engen Sinn, sondern Szenarien, die zeigen, wie sich die Bevölkerung entwickeln würde, wenn bestimmte Annahmen zu Geburten, Sterblichkeit und Migration eintreten. Während sich Geburtenverhalten und Lebenserwartung nur langsam verändern und deshalb relativ gut abschätzbar sind, gilt dies für Wanderungsbewegungen deutlich weniger. Genau hier setzt die Analyse an.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die langfristigen Annahmen der 15. und 16. KBV nur moderat. Die zusammengefasste Geburtenziffer soll langfristig in beiden Fällen unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,11 Kinder pro Frau bleiben; nun wird jedoch eine Stabilisierung bei etwa 1,47 Kindern je Frau erst ab 2040 unterstellt, während zuvor ab Anfang der 2030er Jahre mit 1,55 gerechnet wurde. Auch bei der Lebenserwartung sind die Unterschiede gering: Bis 2070 wird ein Zuwachs von rund sechs Jahren für Männer und etwa fünf Jahren für Frauen angenommen. Entscheidend sind vielmehr die kurzfristigen Ausgangswerte und die Übergänge zu diesen langfristigen Gleichgewichtsniveaus.

Die 15. KBV ging noch von einem moderaten Anstieg der Geburtenrate nach 2022 aus. Tatsächlich ist die Fertilität in den Jahren 2023 und 2024 jedoch stark gefallen und lag 2025 nur noch bei etwa 1,31. Dieser deutlich niedrigere Wert bildet nun den Startpunkt der 16. KBV. Dadurch werden bis in die 2030er Jahre hinein jährlich erheblich weniger Kinder geboren als zuvor erwartet – allein im Jahr 2030 rund 150.000 weniger, 2040 immer noch etwa 120.000 weniger. Dieser Effekt wirkt langfristig fort, weil weniger Geburten heute auch weniger potenzielle Eltern in 25 bis 30 Jahren bedeuten.

Noch stärker fällt der Effekt bei der Migration ins Gewicht. Die frühere Vorausberechnung unterstellte einen langsamen Rückgang von sehr hohen Wanderungssalden nach 2022 auf rund 300.000 Personen im Jahr 2030. Die neue KBV setzt hingegen an den zuletzt deutlich gesunkenen realen Werten an und geht 2025 nur noch von etwa 225.000 Nettozuwanderern aus, bevor sich der Saldo bei 250.000 stabilisiert. Kumuliert fehlen der 16. KBV dadurch allein bis 2030 rund 864.000 Zuwanderer im Vergleich zur alten Rechnung. Da Zuwanderer im Durchschnitt jung sind, verstärkt dies den Rückgang der Geburten zusätzlich.

Hinzu kommt ein gewichtiger Basiseffekt: Die 15. KBV beruhte noch auf einer Fortschreibung des Zensus 2011 und überschätzte die tatsächliche Bevölkerungszahl deutlich. Der Zensus 2022 zeigte, dass Deutschland 2021 rund 1,3 Millionen Einwohner weniger hatte als angenommen, vor allem weil viele Ausländer das Land verlassen hatten, ohne sich abzumelden. Mit dieser korrigierten Ausgangsbasis setzt die 16. KBV tiefer an, was die gesamte weitere Entwicklung nach unten verschiebt.

Die Folgen für die Altersstruktur sind gravierend. Die Zahl der Menschen im Rentenalter (67 Jahre und älter) steigt bis Mitte der 2030er Jahre um fast 30 Prozent; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wächst von knapp 20 auf rund 25 Prozent. Gleichzeitig schrumpfen die jüngeren Altersgruppen deutlich: Sowohl die Zahl der Kinder und Jugendlichen als auch die der Erwerbsfähigen nimmt zunächst um etwa zehn Prozent ab und langfristig sogar um rund 20 Prozent. In der früheren Vorausberechnung war für diese Gruppen noch weitgehende Stabilität unterstellt worden.

Besonders stark betroffen sind die ländlichen Regionen. Die Bevölkerungsschrumpfung konzentriert sich vor allem auf die mitteldeutschen Flächenländer, deren Einwohnerzahl bis 2070 um rund 22 Prozent sinken dürfte. Die Zahl der Kinder, Jugendlichen und Erwerbsfähigen geht dort sogar um etwa 30 Prozent zurück. In den westdeutschen Flächenländern fällt der Rückgang mit rund neun Prozent insgesamt geringer aus, bleibt aber ebenfalls deutlich spürbar; nur die Stadtstaaten der westdeutschen Ballungszentren können noch mit leichtem Wachstum rechnen.

Auf der horizontalen Achse verläuft die Zeit von 2021 bis 2070, auf der vertikalen ein Index mit dem Basiswert 100 im Jahr 2021. Die Bevölkerungskurve der Stadtstaaten steigt leicht über die 100-%-Linie hinaus und verläuft bis 2070 moderat nach oben. Die Linie für die westdeutschen Flächenländer fällt langsam und relativ gleichmäßig von 100 auf etwa 90 % ab. Am steilsten verläuft die Kurve der mitteldeutschen Flächenländer (Ost): Sie sinkt kontinuierlich und deutlich stärker und erreicht bis 2070 einen Wert von etwa 78 % der Raten von 2021. Die drei Linien fächern sich damit im Zeitverlauf immer weiter auf. Infografik: © ifo Institut; Quelle: Statistisches Bundesamt; Berechnungen des ifo Instituts.

Insgesamt zeichnet die Analyse das Bild eines demografischen Wandels, der schärfer, schneller und regional ungleicher verläuft als bislang angenommen. Für Sozialversicherungen, Arbeitsmärkte, Infrastrukturen und öffentliche Haushalte bedeutet dies einen erheblich höheren Anpassungsdruck. Die Autoren betonen, dass politische Entscheidungen mit langfristiger Bindungswirkung diese neue demografische Realität dringend berücksichtigen müssen, um kostspielige Fehlsteuerungen zu vermeiden.

¹T. S. Eliot, The Hollow Men; Schlusszeilen: »This is the way the world ends … / Not with a bang but a whimper«.
© ÆON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend Künstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

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