Bernhard Krötz ist kein Mann der pädagogischen Leisetreterei. Wenn der Mathematiker und Hochschullehrer an der Universität Paderborn über Schule, Studium und Bildungspolitik spricht, klingt das eher nach dem Zustandsbericht über einen Sanierungsfall als nach akademischer Fachdiskussion. Sein Befund: Das deutsche – ja, das westliche – Bildungssystem verliere systematisch an fachlicher Substanz, an Leistungsanspruch und an intellektueller Redlichkeit. Mathematik ist für ihn dabei nicht nur ein Schulfach, sondern Seismograf für den geistigen Zustand der Gesellschaft.
Mathematik als Maßstab für Denken
Für Krötz ist Mathematik weit mehr als Rechnen. Sie sei »das Grundlagenfach für alle Naturwissenschaften« und zugleich das Training für logisches, analytisches Denken. In Formeln werde Sprache »kompaktifiziert« – komplexe Zusammenhänge würden präzise darstellbar. Wer hier Defizite habe, habe meist auch Probleme mit strukturiertem Denken insgesamt.
Dass Studierende heute selbst grundlegende Techniken wie Termumformungen oder Bruchrechnung nicht mehr sicher beherrschen, ist für ihn daher kein Randphänomen, sondern ein Alarmsignal. Die Schwächen beträfen zudem nicht nur Deutschland. Ähnliche Entwicklungen beobachte er in Frankreich, den USA oder Israel. Selbst an Eliteuniversitäten müssten Studienanfänger inzwischen Vorkurse in Schulmathematik besuchen.
Von der Stofflücke zur Anspruchssenkung
An den Hochschulen versuche man, die Defizite mit Brückenkursen abzufangen. Doch drei Wochen Wiederholung könnten Jahre versäumten Lernens nicht ersetzen. Die Folge sei aus seiner Sicht ein stiller Systemwechsel: »Was die Universitäten dann flächendeckend gemacht haben, sie haben halt die Standards gesenkt, um die Absolventenquoten weiter hochzuhalten.« Er selbst versuche zwar gegenzusteuern, räumt aber ein: »Das wird auch immer schwieriger.«
Gleichzeitig beobachtet er eine veränderte Arbeitshaltung. Studieren werde nicht mehr als Vollzeitaufgabe verstanden. Früher seien 40, oft sogar 60 Wochenstunden selbstverständlich gewesen. Heute fehle vielen die Belastbarkeit – und der Wille, sich durch schwierige Probleme zu arbeiten.
»Lerncoach« statt Fachautorität
Die Ursachen verortet Krötz weit vor der Universität. Schule sei zunehmend »schülerzentriert«, Lehrkräfte würden als »Lernbegleiter« oder gar Sozialarbeiter verstanden. Wissensvermittlung und fachliche Tiefe träten in den Hintergrund. Klassenarbeiten bestünden häufiger aus Zuordnungsaufgaben statt aus eigenständigen Darstellungen. Selbstständiges Denken werde seltener eingefordert – mit fatalen Folgen, wenn junge Menschen später an der Hochschule plötzlich eigenständig arbeiten sollen.
Besonders kritisch sieht er die Lehrerausbildung. Dort sei die fachliche Substanz ausgedünnt worden, während pädagogische und bildungswissenschaftliche Inhalte wuchsen. Die Identifikation mit dem eigenen Fach gehe verloren. Für ihn aber sollte ein Gymnasiallehrer in erster Linie Fachvertreter sein – mit Persönlichkeit, Profil und Begeisterung für seinen Gegenstand.
Künstliche Intelligenz als Beschleuniger des Problems
Hinzu komme die rasante Verbreitung von KI-Systemen. Aufgabenblätter ließen sich in Sekunden lösen, Lösungen würden abgeschrieben, ohne den Lösungsweg zu verstehen. »Der Selbstbetrug ist natürlich gigantisch«, sagt Krötz. In Prüfungen zeige sich dann, dass jedes grundlegende Verständnis fehle.
Zugleich bleibt er nüchtern: Für echte mathematische Forschung liefere KI keine originellen Ideen. Sie könne helfen, Daten schnell zu sammeln oder Standardaufgaben zu lösen, neige aber zu Fehlern und »Halluzinationen«. Als Werkzeug sei sie nützlich – als Ersatz für Denken ungeeignet.
Akademische Titel für alle?
Ein weiterer Kritikpunkt ist die starke Akademisierung. Die Zahl der Studierenden habe sich in wenigen Jahrzehnten etwa verdoppelt. Gleichzeitig sei das Abitur als verlässlicher Nachweis der Studierfähigkeit ausgehöhlt worden. Für viele Berufe werde heute ein Hochschulabschluss verlangt, wo früher eine solide Berufsausbildung genügte. Das schade sowohl den Universitäten als auch dem dualen System.
Die Bologna-Reform mit Bachelor- und Masterstrukturen sieht er als Wendepunkt. Das Studium sei »verschulter«, kleinteiliger und stärker durchgetaktet worden. Früher hätten Studierende nach dem Vordiplom eigenständiger Schwerpunkte setzen können. Heute dominierten Modulpläne, ECTS-Punkte und Dauerprüfungen – auf Kosten von Freiheit, Tiefe und intellektueller Reifung.
Bildung ist mehr als Output
Dabei geht es Krötz nicht nur um Fachwissen, sondern um ein umfassendes Bildungsverständnis. Studium bedeute auch kulturelle Horizonterweiterung: Theater, Literatur, Museen, Zeitung lesen, geistige Neugier jenseits des Curriculums. Diese Breite sei seltener geworden. Viele Studierende bewegten sich fast ausschließlich in prüfungsrelevanten Bahnen.
Kein Geld-, sondern ein Haltungsproblem
Mehr Geld hält er nicht für die Lösung. »Ich glaube, wir sind maßlos überfinanziert«, sagt er provokant. Das Problem liege nicht primär in fehlenden Mitteln, sondern in verlorenen Standards, falschen Anreizen und einer Kultur, die Leistung weniger einfordere und Abschlüsse immer stärker entwerte.
Sein Plädoyer ist entsprechend unmodern: weniger Schönfärberei, mehr fachliche Klarheit; weniger Kompetenzrhetorik, mehr solides Können; weniger Zertifikate, mehr tatsächliche Bildung. Oder, in seinem Ton: Universitäten sollten wieder Orte sein, an denen man »hochwertige Zertifikate« vergibt – und sich darauf verlassen kann, dass jemand mit Abschluss sein Fach wirklich beherrscht.
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