KI – und weshalb ausgerechnet Journalisten nicht verschwinden
Seit Monaten kursieren Listen durchs Internet und ängstigen »Experten« die besorgten Nutzer, die voraussagen, welche White-Collar-Berufe, d.h. Büro- und/oder »Wissensjobs« als erste der künstlichen Intelligenz zum Opfer fallen werden. Unter den ›Top 5‹ befinden sich fast immer dieselben: Programmierer, Grafikdesigner, Dolmetscher, Juristen – und Journalisten. Solche Prognosen wirken spektakulär, treffen aber selten den Kern. Denn KI ersetzt keine Jobs, sondern einzelne Tätigkeiten. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob ein Beruf verschwindet, sondern welcher Teil der Arbeit künftig automatisiert wird – und welcher unersetzlich und an die menschliche Kompetenz gebunden bleibt.
Für viele dieser genannten Berufsgruppen hat die KI bereits spürbare Veränderungen ausgelöst. Programmierer nutzen KI-Systeme, die Codes generieren oder Fehler erkennen; sie werden aber weiterhin gebraucht, um komplexe Systeme zu entwerfen, zu integrieren und verantwortungsvoll zu steuern. Grafikdesigner werden Routine- und Produktionsarbeit an Maschinen verlieren, aber stärker als kreative Regisseure und Stilstrategen gefragt sein. Dolmetscher können bei Standardsituationen durch automatische Übersetzungstechnologie ersetzt werden, bleiben jedoch in diplomatischen, kulturell sensiblen oder emotional aufgeladenen Gesprächen unverzichtbar. Und auch Juristen sehen, wie Recherche und Vertragsanalyse beschleunigt werden, während strategisches Denken, Verhandlungsführung und Mandantenkontakt weiterhin in menschlicher Hand liegen. Mitten in dieser Debatte steht schließlich der Journalismus – eine Branche, die überaus heterogene Tätigkeiten umfasst und daher häufig missverstanden wird.
KI ist heute bereits in der Lage, Routineaufgaben zu erledigen: Sie kann Texte glätten, Meldungen umformulieren und große Dokumentenmengen in Sekundenschnelle zusammenfassen. Nachrichtenmeldungen, Sport- oder Börsenticker und das Bearbeiten von Pressemitteilungen werden in vielen Redaktionen zunehmend automatisiert ablaufen. Alles, was der klassischen Fließbandarbeit der Medienproduktion gleicht – also journalistische Tätigkeiten, die sich auf bereits vorhandenes Material stützen –, verliert als menschliche Arbeit an Bedeutung. Der Schreibtischjournalismus, der nach festen Mustern abläuft, wird stärker überwacht als selbst ausgeführt werden.
Doch gerade dort, wo Journalismus beginnt, eigenständigen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen, stößt die KI an Grenzen. Journalistische Arbeit, die neue Informationen erschließt, Beziehungen aufbaut oder Machtstrukturen sichtbar macht, lässt sich nicht automatisieren. Ein gutes Interview entsteht nicht durch das Vorlesen kluger Fragen, sondern durch das spontane Nachhaken, das Erkennen von Widersprüchen, das Deuten von Körpersprache, von Gestik und Mimik sowie das Aufbauen eines Gesprächsklimas, in dem Menschen bereit sind, etwas Persönliches oder fachlich Relevantes preiszugeben. Empathie, Intuition und situatives Gespür sind Fähigkeiten, die sich kaum digitalisieren lassen.
Noch deutlicher wird dieser Unterschied im investigativen Journalismus. Investigative Reporter bewegen sich in einem Feld, das weit außerhalb dessen liegt, was KI erreichen kann. Sie treffen Quellen an verschwiegenen Orten jenseits digitaler Spuren, werten Kisten voller Akten aus, die nie gescannt wurden, sprechen mit Whistleblowern, die Vertrauen und menschliche Nähe benötigen, und erkennen Hinweise, die sich nicht aus einem Datensatz ableiten lassen. Ihre Arbeit zielt auf Informationen, die bewusst nicht veröffentlicht werden – und das ist ein Bereich, zu dem Maschinen keinen Zugang haben. KI kann nur analysieren, was existiert; investigative Recherche dagegen schafft Erkenntnisse, die zuvor nirgends festgehalten wurden.
Damit verändert sich das Berufsbild erheblich: Wo man früher Texte produzierte, entsteht heute eher ein Zusammenspiel zwischen »Mensch und Maschine«. KI liefert die Vorarbeit, sortiert Material und erzeugt Entwürfe. Der Mensch entscheidet jedoch, was wichtig ist, welche Quellen glaubwürdig sind, wie ein Gespräch geführt wird und welche moralischen oder gesellschaftlichen Konsequenzen eine Veröffentlichung haben könnte. Die Zukunft des Journalismus liegt daher weniger im Texten an sich, sondern im Kuratieren, das heißt im Sichten und Auswählen, aber auch im Verstehen, Verknüpfen und Hinterfragen von Informationen. Journalisten werden stärker zu Informationsarchitekten, zu Vertrauenspersonen und zu gesellschaftlichen Übersetzern komplexer Vorgänge.
Das Fazit ist eindeutig: KI verändert den Journalismus zwar tiefgreifend – aber sie ersetzt ihn nicht. Routinen verschwinden, doch die Kernaufgabe bleibt die des über Urteilskraft verfügenden Menschen. Nicht der Journalismus wird überflüssig, sondern jene Formen, die kaum mehr bieten als automatisierbare Reproduktion bekannter Fakten. Der Journalismus, der Neues entdeckt, kritisch prüft und der Gesellschaft hilft, Machtstrukturen zu verstehen, wird wichtiger denn je. Und er ist nicht automatisierbar.
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