KI verändert den Blick in die Zukunft – ersetzt aber nicht den Menschen

KI verändert den Blick in die Zukunft – ersetzt aber nicht den Menschen

Generative KI (AGI) hält rasant Einzug in den Bereich der politischen Vorausschau (Foresight). Was vor wenigen Jahren noch als technisches Zusatzwerkzeug galt, entwickelt sich heute zu einer ernsthaften Unterstützung für Forschung, Strategieentwicklung und politische Entscheidungsprozesse. Die ›Policy Foresight Unit‹ des Europäischen Parlaments beschreibt in ihrem Bericht »Augmented foresight: The transformative power of generative AI for anticipatory governance«, wie große KI-Modelle – von ChatGPT bis hin zu multimodalen Agentensystemen – das Geschäft der Zukunftsanalyse verändern. Der Tenor: Die Technik eröffnet enorme Chancen, birgt aber ebenso gewichtige Risiken.

Vom Recherchedienst zum Ideenmotor

Lange diente KI in der Vorausschau vor allem dazu, Informationen schneller zu sortieren oder Texte zu glätten. Doch die neuen Modelle können deutlich mehr: Sie scannen gigantische Datenmengen, erkennen Muster, filtern schwache Signale des Wandels heraus und helfen bei der Interpretation komplexer Trends. In einem Umfeld, in dem die Informationsüberflutung allgegenwärtig ist und die Unsicherheiten zunehmen, wird diese Geschwindigkeit zum strategischen Vorteil – gerade für politische Institutionen.

Besonders zwei Methoden verändern sich grundlegend: »Horizon Scanning« und »Szenario-Entwicklung«.

Horizon Scanning¹: Frühwarnsysteme auf Steroiden

Um frühzeitig gesellschaftliche, technologische oder geopolitische Veränderungen zu erkennen, durchforsten Analysten traditionell Studien, Medien und Datenbanken – ein sehr zeitintensiver Prozess. Generative KI automatisiert nun große Teile davon: Sie sucht und bewertet Inhalte, gruppiert Entwicklungen, ordnet Signale und aktualisiert Erkenntnisse fortlaufend. Dadurch werden bislang übersehene Trends sichtbarer. Frühstudien zeigen, dass KI-gestützte Systeme bis zu 95 Prozent der relevanten Artikel identifizieren können – und das in einem Bruchteil der bisherigen Zeit.

Doch trotz beeindruckender Trefferquoten bleibt die menschliche Rolle zentral: KI liefert Datenpunkte, aber nicht den gesellschaftlichen Kontext oder die politische Bedeutung dahinter.

¹Systematischer Prozess der Identifikation schwacher Signale und scheinbar unbedeutender Veränderungen (noch jenseits des Horizonts) in unterschiedlichsten Bereichen wie Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft und Politik zur frühzeitigen Erkennung von Trends, Risiken und Chancen, die zukünftige Entwicklungen beeinflussen könnten.

Szenario-Entwicklung: KI als Co-Autor möglicher Zukünfte

Auch beim Entwerfen von Zukunftsszenarien beschleunigt KI die Arbeit enorm. Sie strukturiert Einflussfaktoren, kombiniert unsichere Entwicklungen und entwirft alternative Zukunftsbilder. Sie kann sogar komplette Szenarien in erzählerische Form gießen – oder anhand von Bildern, Videos und XR-Technologien (Virtual, Augmented oder Mixed Reality) ganze Zukunftswelten visuell erlebbar machen.

Interessant ist ein neuer Trend: KI-Halluzinationen – normalerweise ein Problem – können im kreativen Szenario-Design sogar nützlich sein. Sie erzeugen überraschende Wendungen und Perspektiven, die menschliche Teams inspirieren. Natürlich nur, wenn Expertinnen und Experten anschließend die Plausibilität prüfen.

Generative Agenten: Die Simulation des Menschen

Besonderes Augenmerk legt der Bericht auf sogenannte »generative Agenten«: KI-gestützte Simulationen menschlichen Verhaltens. Sie können wie synthetische Experten auftreten, sich zu Zukunftsszenarien äußern oder Umfragen beantworten. Erste Studien zeigen erstaunliche Trefferquoten von 66 bis 85 Prozent, wenn man simulierte Antworten mit realen Menschen vergleicht.

Das eröffnet neue Möglichkeiten – etwa, wenn Expertengremien schwer zusammenzubringen sind oder ergänzende Perspektiven gebraucht werden. Gleichzeitig warnt der Bericht: Simulation ist nicht Realität. Menschen handeln emotional, widersprüchlich und situativ – etwas, das Agenten bisher nur ansatzweise abbilden können.

Große Chancen, große Fallstricke

Trotz aller Möglichkeiten mahnt die Studie zur Vorsicht. Vier Risiken stechen hervor:

  1. Bias: KI reproduziert systematisch Verzerrungen (oder Voreingenommenheiten) aus ihren Trainingsdaten – und könnte so marginalisierte Stimmen oder unkonventionelle Ideen herausfiltern.
  2. Pfadabhängigkeit: Modelle denken in Mustern der Vergangenheit. Radikal neue Entwicklungen, disruptive Wendungen oder potenzielle »Schwarze Schwäne« bleiben ihnen oft verborgen.
  3. Overreliance (übermäßige Abhängigkeit): Zu viel Vertrauen in die KI-Ergebnisse könnte die kreative und kritische Rolle der menschlichen Analysten untergraben.
  4. Unzuverlässigkeit: Prompt-Sensitivität, Inkonsistenzen zwischen Modellen und Halluzinationen können zu Fehlschlüssen führen – was besonders in der Politikberatung gefährlich werden könnte.
KI wird die Vorausschau revolutionieren – aber nicht ohne den Menschen

Der Bericht kommt zu einem klaren Schluss: Generative KI steigert die Analysefähigkeit politischer Institutionen und macht Zukunftsarbeit schneller, kostengünstiger und zugänglicher. Doch sie ersetzt keine Expertinnen und Experten. Ihre Stärken entfaltet sie nur als Teil einer hybriden Arbeitsweise, in der menschliches Urteilsvermögen, kritische Reflexion und kollektive Erfahrung weiterhin das Fundament bilden.

Zukunftsgestaltung bleibt ein zutiefst menschlicher Prozess. Aber wer KI nicht nutzt, riskiert den Anschluss. Wer sie klug einsetzt, kann Politik robuster, inklusiver und vorausschauender machen – und damit besser auf die Unsicherheiten von heute wie von morgen reagieren.

© ÆON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend Künstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

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