Frankreich: Eine junge Generation im Zeichen der »Re-Islamisierung«

Frankreich: Eine junge Generation im Zeichen der »Re-Islamisierung«

Während sich die Jugend in streng islamischen Ländern wie dem Iran oder Saudi-Arabien langsam von der Religion emanzipiert, ist in Europa, insbesondere in Frankreich, ein gegenläufiger Trend festzustellen. Eine neue Untersuchung des französischen Meinungs- und Marktforschungsinstituts Ifop (Institut français d’opinion publique), liefert einen selten klaren Blick auf die religiösen Einstellungen muslimischer Franzosen – und zeigt deutliche Verschiebungen, die sich seit den 1980er-Jahren immer weiter verstärken. Entgegen der häufig gehörten Annahme einer schleichenden Säkularisierung zeichnet die Studie das Bild einer jungen Generation, die sich stärker religiös positioniert als ihre Eltern und zugleich empfänglicher für islamextremistische Deutungsangebote wird.

Wachsende Bedeutung der muslimischen Bevölkerung

Der Anteil muslimischer Bürger an der erwachsenen Bevölkerung Frankreichs stieg laut Studie von 0,5 Prozent im Jahr 1985 auf sieben Prozent im Jahr 2025. Damit ist der Islam nach dem Katholizismus die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes. Trotz eines zunehmend polarisierten gesellschaftlichen Diskurses zeigt die Untersuchung allerdings auch: Die tatsächliche Größe der muslimischen Bevölkerung wird in der öffentlichen Wahrnehmung massiv überschätzt. Es gibt Umfragen, in denen der muslimische Anteil an der französischen Bevölkerung auf bis zu 31 Prozent vermutet wird.

Ein deutlicher Trend zur stärkeren Religiosität

Der zentrale Befund lautet: Die muslimische Bevölkerung Frankreichs durchläuft einen deutlichen Prozess der »Re-Islamisierung«.

80 Prozent bezeichnen sich selbst als religiös – deutlich mehr als Angehörige anderer Glaubensrichtungen. Besonders ausgeprägt ist dies bei den 15- bis 24-Jährigen, von denen 87 Prozent ihre Religiosität betonen; fast ein Drittel versteht sich sogar als sehr oder extrem religiös. Auch die religiöse Praxis nimmt zu: Der Moscheebesuch hat sich seit 1989 mehr als verdoppelt, die tägliche Gebetspraxis steigt auf 62 Prozent, bei den Jüngeren sogar noch höher. Auch die Befolgung der Ramadan-Regeln wird strenger; 73 Prozent fasten den gesamten Monat, bei jungen Erwachsenen sind es sogar 83 Prozent.

In Summe zeigt sich eine Generation, die Religion nicht als Tradition ihrer Eltern, sondern als bewusst gelebte Identität versteht.

Erhöhte Bedeutung religiöser Lebensregeln

Parallel dazu gewinnen religiöse Vorschriften über Ernährung, Geschlechterrollen und Alltagspraxis an Bedeutung. 79 Prozent der französischen Muslime trinken keinen Alkohol – ein deutlicher Zuwachs zu den 1980er-Jahren. Der Kopftuchgebrauch bleibt insgesamt eine Minderheitenpraxis, wird aber unter jungen Frauen zunehmend verbreitet: 45 Prozent der 18- bis 24-Jährigen tragen ein Kopftuch – dreimal so viele wie 2003. Neben religiösen Motiven spielt auch das Bedürfnis nach Schutz und sozialer Markierung eine Rolle.

Ein »Separatismus der Geschlechter« gewinnt an Akzeptanz: 43 Prozent lehnen bestimmte Formen körperlichen oder visuellen Kontakts ab, etwa Händeschütteln oder den Besuch gemischter Schwimmbäder. Auch hier zeigen vor allem Jüngere deutlich konservativere Einstellungen.

Wachsende Neigung zu integralen und politisierten Religionsvorstellungen

Die Studie legt offen, dass für viele Befragte religiöse Normen zunehmend Vorrang vor staatlichen Gesetzen gewinnen:

44 Prozent würden in Konfliktfällen die religiösen Regeln über die französischen Gesetze stellen – ein deutlicher Anstieg seit 1995. Sogar 46 Prozent sprechen sich für die Anwendung der Scharia im Alltag aus, zumindest teilweise angepasst an das jeweilige Land.

Besonders auffällig ist der Zweifel an wissenschaftlichen Erklärungen: 65 Prozent glauben, dass in Fragen der Welterschaffung eher die Religion als die Wissenschaft recht hat. Diese Haltung deutet auf ein wachsendes Bedürfnis hin, den eigenen Lebensstil konsequent an religiösen Leitlinien auszurichten – auch im Widerspruch zu gesellschaftlichen Normen.

Die Studienautoren des ifop interpretieren ihre Befunde wie folgt: »Diese Daten bestärken die Befürchtungen derjenigen, die glauben, die muslimische Bevölkerung entwickle sich zu einer ›Gegengesellschaft‹, die ihren Alltag nach religiösen Normen organisiert, die sich von denen der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden oder ihnen sogar entgegenstehen. Anstatt mit der Zeit abzuschwächen, scheint sich dieser Trend Generation für Generation zu verstärken, angetrieben von einer Jugend, die angesichts einer als feindselig wahrgenommenen französischen Gesellschaft zunehmend bestrebt ist, ihre muslimische Identität zu behaupten.«

Islamextremistische Strömungen: Breitere Resonanz als in früheren Jahrzehnten

Ein weiterer Schwerpunkt der Studie betrifft islamextremistische Denkrichtungen, deren Einfluss offenbar spürbar zunimmt: 38 Prozent der Befragten stimmen zumindest teilweise islamextremistischen Positionen zu – doppelt so viele wie Ende der 1990er-Jahre. Ein Drittel, der über 1.000 Befragten, zeigt Sympathien für islamextremistische Bewegungen; besonders verbreitet ist die Nähe zu den Muslimbrüdern (24 %), gefolgt von salafistischen oder wahhabitischen Strömungen. Unter jungen Muslimen bekennen sich 32 Prozent zur Denkweise der Muslimbrüder – ein Hinweis darauf, dass islamextremistische Ideen nicht etwa »überaltern«, sondern sich bei Jüngeren stabilisieren.

Gesamtbild: Eine religiös stärker markierte, selbstbewusste Generation

Der Befund, den Studienleiter François Kraus formuliert, fällt deutlich aus: Die neue muslimische Generation in Frankreich ist religiöser, konservativer, normorientierter und politisch islambewusster als frühere Kohorten. Sie entfernt sich nicht von der Religion – sie nähert sich ihr an, und zwar mit wachsender Intensität.

Diese Entwicklung wirft drängende Fragen für Integrationspolitik und gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. Die Autoren betonen, dass traditionelle sicherheits- oder ordnungspolitische Ansätze zu kurz greifen. Benötigt würden vielmehr tiefgreifende politische Antworten, die die sozialen und kulturellen Faktoren dieses Trends berücksichtigen.

François Kraus resümiert: »Die Umfrage legt nahe, dass derzeit nichts den Prozess der Re-Islamisierung aufzuhalten scheint. Im Gegenteil, alle Indikatoren deuten auf eine Verstärkung dieser Tendenzen in den kommenden Jahren hin. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Integration von Muslimen in Frankreich und ihrer Bindung an republikanische Werte mit neuer Dringlichkeit und erfordert politische Antworten, die weit über rein sicherheitspolitische oder repressive Ansätze hinausgehen.«

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