Aktuelle Studie: Einheimische Deutsche immer säkularer
84 Prozent der Deutschen vertreten die Auffassung, Politikerinnen und Politiker sollten »weltanschaulich neutral entscheiden«, 76 Prozent stimmen der Überzeugung zu, dass sich ethisch-moralische Entscheidungen »auf Vernunft und Mitgefühl« stützen sollten, »nicht auf göttliche Gebote«. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die im Auftrag der »Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland« (fowid) die Einstellungen der Bevölkerung zum Themenkomplex »Staat – Gesellschaft – Weltanschauung« untersucht hat.
Das Meinungsforschungsinstitut »Mentefactum« hat im Auftrag von fowid in der ersten Oktoberhälfte eine repräsentative Bevölkerungsumfrage durchgeführt, die nun auf der Website der Forschungsgruppe ausgewertet wurde. »Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen«, so die fowid-Autoren, »wie weit der Prozess der Säkularisierung in Deutschland vorangeschritten ist.« Dies zeige sich sowohl mit Blick auf die weltanschaulichen Haltungen der Bürgerinnen und Bürger als auch hinsichtlich ihrer Einstellungen zur Neutralität des Staates und seinem Verhältnis zu den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.
So stimmten 76 Prozent »voll und ganz« (47 %) oder »eher« (29 %) der Überzeugung zu, dass sich ethisch-moralische Entscheidungen »auf Vernunft und Mitgefühl« stützen sollten, »nicht auf göttliche Gebote«. Nur zwölf Prozent waren mit dieser Aussage »eher nicht« und fünf Prozent »überhaupt nicht« einverstanden, während sieben Prozent dazu keine Angaben machten. »Dass 76 Prozent der Befragten einer Auffassung zuneigen, die eher im säkularen Humanismus als bei den traditionellen Religionsgemeinschaften verortet werden kann«, sei ein »bemerkenswerter Befund«, kommentiert die Forschungsgruppe. Erwartungsgemäß finde man für diese Haltung die größte Zustimmung bei den Konfessionsfreien (85,7 %), die Zustimmungsraten lägen aber auch bei den nominellen Katholiken (66,2 %) und insbesondere bei den Protestanten (72,3 %) erstaunlich hoch. Der allgemeine Säkularisierungstrend sei »offenkundig auch innerhalb der Kirchen angekommen«.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Zustimmung bzw. Ablehnung einer »naturalistischen Weltauffassung«: Mit der Aussage »Ich meine, dass die Welt nach naturwissenschaftlichen Gesetzen funktioniert. Übernatürliche Kräfte wie etwa Götter oder Teufel haben auf unsere Welt keinen Einfluss« waren 39 Prozent der Befragten »voll und ganz« und 25 Prozent »eher« einverstanden. Nur 16 Prozent sprachen sich »eher« und zehn Prozent »voll und ganz« für eine Ablehnung des Naturalismus aus. Auch dieser Befund sei bemerkenswert, heißt es aus der Forschungsgruppe: »Dass nur 26 Prozent übernatürlichen Kräften eine Wirkung in der Welt zuschreiben, während 64 Prozent dem naturalistischen Weltbild zustimmen, deutet an, dass im Schatten der Säkularisierung auch die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Denkens an Bedeutung hinzugewonnen haben.« Erwartungsgemäß sei auch hier die Zustimmungsrate in der Gruppe der Konfessionsfreien mit 77 Prozent am höchsten, gefolgt von den Protestanten mit 59 Prozent und den Katholiken mit 52 Prozent. Allerdings: Einem naturalistischen Weltbild stimmten zwar 73 Prozent der Gruppe 60+ zu, während es bei den 16-29-Jährigen nur 59 Prozent sind. Das ist mit Blick auf die Zukunft bedenklich.

fowid-Leiter Carsten Frerk beim Eröffnungsvortrag der Tagung »Auf dem Weg in die säkulare Gesellschaft« (Foto: Ricarda Hinz).
Große Mehrheit der Deutschen für den weltanschaulich neutralen Staat
Die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger spricht sich für einen »weltanschaulich neutralen Staat« aus, in dem keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft privilegiert oder diskriminiert wird. So vertreten 84 Prozent der Befragten die Auffassung, Politikerinnen und Politiker sollten »ihre Entscheidungen nicht auf ihre persönlichen religiösen Überzeugungen stützen«, sondern sich »weltanschaulich neutral entscheiden«. 82 Prozent votieren dafür, dass »staatliche Einrichtungen wie Gerichte, Schulen oder Polizei grundsätzlich weltanschaulich und religiös neutral« sein sollten. 75 Prozent meinen, dass Religionsgemeinschaften bei der Besetzung von Rundfunkräten »keine bevorzugte Stellung erhalten« sollten. 65 Prozent sprechen sich gegen das islamische Kopftuch von Lehrerinnen in öffentlichen Schulen aus und 61 Prozent lehnen es ab, dass die katholische Kirche weiterhin medizinisch indizierte Schwangerschaftsabbrüche in ihren Kliniken verbieten darf.
Auffällig an den Ergebnissen der Studie sind neben der hohen Zustimmung zur weltanschaulichen Neutralität des Staates zwei weitere Aspekte:
- Die Zustimmung zu strikt weltanschaulich-neutralen Positionen nimmt ab, wenn die persönliche Religions- und Weltanschauungsfreiheit von Amtsträgern betroffen ist. So sprechen sich nur 44 Prozent der Befragten dafür aus, dass Kanzler oder Minister keine religiöse Amtseidformel verwenden sollten (33 % haben damit keinerlei Probleme, 23 % wollen dazu keine Aussage treffen).
- Die Zeichen christlicher und islamischer Religiosität werden im Durchschnitt unterschiedlich bewertet. So richten sich zwar 50 Prozent gegen das Aufhängen von religiösen Symbolen wie Kreuzen in Schulen und Gerichtssälen, im Falle des islamischen Kopftuches ist die Ablehnungsquote (65 %) jedoch deutlich höher.
Interessante Ergebnisse vermittelt auch die fowid-Analyse zum Konsens bzw. zur Polarisierung innerhalb der getesteten Gruppen: Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass die Konfessionsfreien trotz ihres fehlenden Organisationsgrades in ihren weltanschaulichen Einstellungen und weltanschauungspolitischen Haltungen deutlich homogener sind als die katholischen und protestantischen Kirchenmitglieder, die in vielen Fragen große Differenzen aufweisen. Mit Blick auf die jeweiligen Parteipräferenzen stellt fowid u.a. fest, dass die Anhänger der AfD zwar in der Ablehnung des islamischen Kopftuchs äußerst geschlossen auftreten, jedoch bei der Frage, ob der Amtseid ohne Gottesbezug stattfinden soll, ungewöhnlich stark polarisiert sind. Die Forschungsgruppe kommentiert diesen Befund folgendermaßen: »Die ›christlich-abendländische‹ Rhetorik der Partei findet in der Anhängerschaft keine konsequente Entsprechung – der Fokus liegt erkennbar auf der Ablehnung des Islam.«
Zur Methodik
Die Umfrage wurde Anfang Oktober 2025 mit 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt, die repräsentativ für die Wohnbevölkerung ab 16 Jahren sein sollen. Allerdings umfasste die Gruppe der Muslime im Sample nur 30 Personen, was drei Prozent der Gesamtpopulation von 1.000 Befragten – und damit nicht dem tatsächlichen muslimischen Bevölkerungsanteil (6-10 %) – entspricht. Unter diesem Aspekt ist die Umfrage zu klein und daher wenig aussagekräftig. Es muss davon ausgegangen werden, dass der Säkularisierungstrend auf diese Bevölkerungsgruppe kaum zutreffen dürfte und von einer Zweispaltung der Gesellschaft gesprochen werden muss.
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