Rückblick aus dem Jahr 2028: Wenn maßlose Intelligenz in die Krise führt

Ein aktuell vom US-amerikanischen Wirtschaftsforschungsinstitut ›Citrini Research‹ veröffentlichter »Rückblick« aus der Perspektive des 30. Juni 2028 auf die Jahre 2026 und 2027 ist weniger als eine klassische Rezessionsgeschichte zu lesen, sondern als Autopsie eines Strukturbruchs. In der Quintessenz dieses »Rückblicks« erscheint die »Globale Intelligenz-Krise« nicht die Folge enttäuschter KI-Erwartungen zu sein, sondern ein paradoxes Resultat ihres vollkommenen Eintreffens. Künstliche Intelligenz tat nämlich exakt das, was Investoren, Manager und Politik von ihr erhofft hatten: Sie steigerte die Produktivität, senkte die Kosten und beschleunigte Innovationen. Gerade darin lag jedoch der Keim der von ihr ausgelösten (kommenden) sozialen Krise.

Produktivitätsboom ohne Wohlstandseffekt

2026 war zunächst – so die fiktive Citrini-Erzählung – ein Jahr der Euphorie. Unternehmensgewinne explodierten, die Aktienmärkte erreichten neue Höchststände, und KI-gestützte Produktivität wuchs mit Raten wie zuletzt in den 1950er-Jahren. Doch dieser Boom blieb zunehmend ohne gesellschaftliche Rückkopplung. Die durch KI substituierten Arbeitskräfte – vor allem in wissensintensiven Büroberufen – verloren Einkommen, während die Gewinne fast vollständig zu den Eigentümern von Kapital, Rechenleistung und Modellen flossen. Citrini beschreibt dies als Entstehung eines »Geister-BIP«: wirtschaftliche Wertschöpfung, die zwar statistisch in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung existiert, aber nicht mehr durch die Realwirtschaft (Haushalte, Konsum und Löhne) zirkuliert.

Die selbstverstärkende Verdrängungsspirale

Im Rückblick zeigte sich ein klarer, sich selbst beschleunigender Mechanismus. Unternehmen ersetzten menschliche Arbeit durch KI, steigerten damit kurzfristig ihre Margen und investierten die Einsparungen wiederum in noch leistungsfähigere KI-Systeme. Diese machten weitere Entlassungen möglich. Anders als in früheren technologischen Umbrüchen entstand kein ausgleichender Beschäftigungseffekt, da KI nicht nur einzelne Tätigkeiten, sondern die zugrunde liegende menschliche Problemlösungsfähigkeit ersetzte. Neue Jobs (etwa KI-Prompter, Rechenzentren-Ingenieure) entstanden zwar, etwa in der KI-Infrastruktur oder -Koordination, doch sie waren zahlenmäßig gering und deutlich schlechter bezahlt als die weggefallenen Stellen.

Vom Sektorproblem zum systemischen Schock

Was 2026 noch als branchenspezifisches Risiko im Software- und Dienstleistungssektor galt, erwies sich 2027 als gesamtwirtschaftliches Problem. Besonders gravierend war, dass die Arbeitsplatzverluste das obere Einkommenszehntel trafen (z.B. Entwickler, Analysten, Juristen oder Projektmanager). Gerade diese Gruppen hatten zuvor einen überproportionalen Anteil an Konsum, Immobiliennachfrage, Reisen und Kreditqualität. Entsprechend fiel der Nachfrageeinbruch unverhältnismäßig stark aus, obwohl die Arbeitslosenquote zunächst nur moderat stieg. Erst zeitverzögert brach sich die Krise in harten Daten Bahn, als Konsum, Immobilienpreise und schließlich auch die Finanzmärkte gleichzeitig unter Druck gerieten

Finanzielle Folgeschäden und fragile Sicherheiten

Besonders heikel erwies sich im Rückblick die Abhängigkeit des Finanzsystems von stabilen White-Collar-Einkommen (Bürojobs). »Private-Credit«-Strukturen, SaaS-Finanzierungen und schließlich auch der Markt für erstklassige Hypotheken waren implizit auf die Annahme gebaut, dass hochqualifizierte Beschäftigung dauerhaft wertvoll und nachgefragt bleibt. Als diese Annahme durch KI strukturell entwertet wurde, gerieten selbst als »sicher« geltende Kreditsegmente ins Wanken. Die Krise ähnelte damit keiner klassischen Finanzkrise, sondern einer Neubewertung der ökonomischen Rolle menschlicher Arbeit selbst

Politik im Rückstand zur technologischen Realität

Aus der Perspektive von 2028 erscheint die politische Reaktion vor allem als zu langsam. Zwar wurden Transfermechanismen, KI-Abgaben und Modelle einer »KI-Dividende« diskutiert, doch die institutionellen Prozesse hielten mit der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung nicht Schritt. Während die Steuerbasis – menschliche Arbeit – erodierte, stieg der Bedarf an staatlicher Unterstützung. Diese zeitliche Asymmetrie verstärkte soziale Spannungen und trug zur politischen Polarisierung bei, wie sie bereits zeitgenössische Medienberichte Anfang 2026 andeuteten. »Während sich die Politiker stritten, zerfiel das soziale Gefüge schneller, als der Gesetzgebungsprozess voranschreiten konnte«, heißt es im Citrini-Szenario.

Die eigentliche Zäsur: Das Ende der Knappheit menschlicher Intelligenz

Der Kern der Analyse liegt weniger in einzelnen Marktereignissen als in einer grundlegenden Neubewertung ökonomischer Knappheit. Über Jahrhunderte war menschliche Intelligenz der limitierende Produktionsfaktor, auf dem Arbeitsmärkte, Bildungssysteme, Kreditmodelle und Sozialstaaten aufbauten. In den Jahren 2026 und 2027 begann sich dieses Fundament aufzulösen. Die Krise war damit keine klassische Überproduktions- oder Finanzkrise, sondern der schmerzhafte Übergang in eine Wirtschaft, in der Intelligenz im Überfluss vorhanden ist, während gesellschaftliche Institutionen noch auf Knappheit ausgelegt sind.

Im Rückblick aus dem Jahr 2028 bleibt offen, ob dieser Übergang in einen neuen stabilen Gleichgewichtszustand geführt werden kann. Sicher ist nur, dass die Jahre 2026 und 2027 als Wendepunkte in Erinnerung bleiben werden: als Momente, in denen technischer Fortschritt nicht mehr automatisch mit breitem Wohlstand gleichgesetzt werden konnte.

© ÆON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend Künstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

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