Immer weniger Kinder pro Mann
Lange galt in der Demografie eine einfache Grundregel: Die Fertilität wird fast immer aus weiblicher Perspektive gemessen, weil Geburt und Mutterschaft erstens offensichtlich und zweitens statistisch leichter zu erfassen sind. Doch ein neuer Forschungsbericht im Fachjournal »PNAS« (Proceedings of the National Academy of Sciences) rückt nun eine andere, bislang weitgehend übersehene Frage ins Zentrum: Wie unterscheiden sich die Geburtenzahlen von Männern und Frauen, wenn man beide Geschlechter als Teil derselben demografischen Realität betrachtet? Die Antwort (siehe Pressemitteilung) der Forscher um Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock ist bemerkenswert. Weltweit, so ihr Befund, bekommen Frauen seit 2024 im Durchschnitt mehr Kinder als Männer. Damit ist eine historische Umkehr vollzogen.
Das Ergebnis ist auf den ersten Blick irritierend, denn natürlich gebären nur Frauen Kinder. Gemeint ist etwas anderes: die statistisch geschätzte durchschnittliche Kinderzahl, die Männern und Frauen am Ende ihres reproduktiven Lebens zugerechnet werden kann. Dass diese Zahl für Männer heute niedriger ausfällt als für Frauen, ist kein biologisches Paradox, sondern Ausdruck einer veränderten Bevölkerungsstruktur. Die Autoren sprechen von einer zunehmenden »Maskulinisierung« der Populationen im reproduktiven Alter.
Eine Verschiebung der Grundstruktur
Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Zum einen sinkt weltweit die Sterblichkeit, die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Lebenserwartung schrumpfen. Das führt dazu, dass mehr Männer in die Altersgruppen hineinwachsen, in denen Partnerschaft und Elternschaft typischerweise stattfinden. Zum anderen spielen in einigen Ländern auch geschlechtsselektive Abtreibungen (meistens Mädchen) eine Rolle, die das Geschlechterverhältnis bei der Geburt zugunsten von Jungen verschieben. Der natürliche Geburtenüberschuss von 105 Jungen zu 100 Mädchen wird verstärkt und verstetigt sich.
Gerade diese Verschiebung im Zahlenverhältnis von Männern und Frauen ist der zentrale Treiber des neuen Trends. Wenn in den reproduktiven Altersgruppen mehr Männer als Frauen vorhanden sind, dann sinkt die rechnerische Fertilität der Männer stärker als die der Frauen. Vereinfacht gesagt: Auf einen Mann kommen statistisch weniger potenzielle Geburten als früher, während die weibliche Fertilität weniger stark unter dieser Schieflage leidet.
Hinzu kommt ein zweiter, subtilerer Effekt: Männer bekommen Kinder im Durchschnitt später als Frauen. Auch dieser Altersabstand beeinflusst die demografischen Berechnungen. Die Studie berücksichtigt ihn ausdrücklich und zeigt dennoch, dass die Bevölkerungsstruktur der wichtigste Faktor bleibt. Nicht einzelne Verhaltensänderungen stehen also im Vordergrund, sondern die Zusammensetzung der Gesellschaft selbst.
Regionale Unterschiede
Der globale Trend verdeckt erhebliche regionale Unterschiede. In Europa und Nordamerika liegt der Wendepunkt schon lange zurück; dort überstieg die weibliche Fertilität die männliche bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren. In Lateinamerika erfolgte der Übergang in der jüngeren Vergangenheit. In Nordafrika, Ostasien, Ozeanien und Zentralasien wird er vielerorts erst in den kommenden Jahrzehnten erwartet.
Besonders deutlich zeigt sich die Dynamik in Ostasien. China, Indien und Südkorea stechen als Länder hervor, in denen der Männerüberschuss im reproduktiven Alter durch frühere geschlechtsspezifische Selektion zusätzlich verstärkt wurde. In Südkorea erfolgte der Umschlag bereits 1994, in China 1996, in Indien erst 2020. Gerade dort könnten die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Fertilität künftig weiter wachsen.
Subsahara-Afrika bildet die große Ausnahme. In vielen Ländern dieser Region wird der Übergang erst sehr viel später, teils nicht vor 2100, erwartet. Die Gründe liegen in der dort weiterhin hohen Müttersterblichkeit und in anderen demografischen Mustern, die die Alters- und Geschlechtsstruktur anders prägen als in weiten Teilen der Welt. Der globale Trend ist also real, aber keineswegs überall gleich stark.
Wie Bevölkerungen männlicher werden
Die Studie zeigt, dass sich die Verschiebung nicht auf einen einzigen Auslöser zurückführen lässt. Vielmehr wirken zwei langfristige Prozesse zusammen: die Geschlechterverteilung bei der Geburt und die geschlechtsspezifische Sterblichkeit über den Lebensverlauf. Zwar kommen natürlicherweise etwas mehr Jungen als Mädchen zur Welt, doch normalerweise gleicht sich dieses Verhältnis im Lebensverlauf teilweise aus. Wenn aber die Sterblichkeit sinkt und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen kleiner werden, bleiben die männlichen Kohorten länger in den jüngeren und mittleren Altersgruppen dominant.
In Ländern mit stark verzerrter Geschlechterverteilung bei der Geburt verschärft sich dieser Effekt. Die Autoren nennen China, Indien und Südkorea als Beispiele für Staaten, in denen solche Muster besonders sichtbar sind. Dort ist die Bevölkerung im reproduktiven Alter teils deutlich männlich geprägt. In kleineren Staaten können schon moderate Veränderungen bei Geburten oder Migration starke statistische Wirkungen entfalten, weil die Gesamtpopulation weniger robust ist.
Auch Krisen hinterlassen Spuren. Kriege, Gewalt und andere demografische Schocks verändern das Geschlechterverhältnis oft über Jahrzehnte hinweg. Wenn in bestimmten Jahrgängen überproportional viele Männer sterben, verschiebt sich die spätere Bevölkerungsstruktur in die entgegengesetzte Richtung. Die Studie verweist dafür unter anderem auf Guatemala und Ruanda, wo konfliktreiche Phasen bis heute messbare Folgen für das Verhältnis der Geschlechter haben.
Folgen für Partnerschaft und Familie
Die eigentliche Sprengkraft des Befunds liegt nicht allein in der Statistik, sondern in den sozialen Folgen. Wenn mehr Männer als Frauen im heirats- und reproduktionsfähigen Alter vorhanden sind, verknappen sich die Chancen auf Partnerschaft. Das verschärft die Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt und kann dazu führen, dass mehr Männer dauerhaft kinderlos bleiben.
Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass sich diese Ungleichgewichte besonders in den Ländern mit extremen Männerüberschüssen bemerkbar machen dürften. Dort können sich nicht nur die Chancen auf Familiengründung verschlechtern, sondern auch die Verhandlungsmacht in Beziehungen verschieben. Hinzu kommt, dass ein solcher Überschuss den durchschnittlichen Altersabstand zwischen Partnern vergrößern kann. Partnerschaft wird dann selektiver, exklusiver und für viele schlicht unerreichbar.
Langfristig könnten daraus auch gesellschaftliche Risiken erwachsen. In der wissenschaftlichen Literatur werden für Gesellschaften mit einem deutlichen Männerüberschuss unter anderem höhere Gewaltneigung, mehr soziale Instabilität und eine stärkere Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten diskutiert. Die Autoren verweisen zudem darauf, dass Kinderlosigkeit bei Männern oft mit schlechterer Gesundheit, geringerer sozialer Einbindung und höherer Abhängigkeit von professioneller Betreuung im Alter verbunden ist.
Eine neue demografische Realität
Besonders nachdrücklich fällt die Schlussfolgerung der Studie aus: Der Umschlag von einer männlich höheren zu einer weiblich höheren Fertilität markiere den Beginn einer neuen demografischen Realität. Diese Veränderung sei nicht nur eine statistische Randnotiz, sondern könne tief in soziale Ordnungen hineinwirken. Vor allem in stark männlich geprägten Bevölkerungen drohten wachsende Spannungen auf dem Partnerschaftsmarkt, mehr Kinderlosigkeit und neue Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und sozialen Schichten.
Die Autoren verbinden ihre Diagnose deshalb mit einem politischen Appell. Nötig seien Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Abtreibung, bessere Bildungs- und Beschäftigungschancen für Männer ohne Partnerin und Kinder sowie soziale und rechtliche Lösungen für Singles und Kinderlose. Dazu könnten etwa neue Formen sozialer Unterstützung, Freundschaftsnetzwerke oder ein breiterer Zugang zu reproduktionstechnischen Angeboten gehören.
Der Bericht macht damit deutlich: Demografie ist keine abstrakte Zahlenspielerei, sondern beschreibt die Grundarchitektur gesellschaftlicher Beziehungen. Wenn sich das Verhältnis von Männern und Frauen in den entscheidenden Lebensjahren verschiebt, verändert sich nicht nur die Statistik der Geburten. Es verändern sich auch die Chancen auf Partnerschaft, Familie, soziale Zugehörigkeit – und letztlich die Stabilität ganzer Gesellschaften.
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