{"id":2685,"date":"2026-04-26T20:15:47","date_gmt":"2026-04-26T18:15:47","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2685"},"modified":"2026-04-26T20:17:21","modified_gmt":"2026-04-26T18:17:21","slug":"immer-weniger-kinder-pro-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2685","title":{"rendered":"Immer weniger Kinder pro Mann"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Lange galt in der Demografie eine einfache Grundregel: Die Fertilit\u00e4t wird fast immer aus weiblicher Perspektive gemessen, weil Geburt und Mutterschaft erstens offensichtlich und zweitens statistisch leichter zu erfassen sind. Doch ein neuer <a href=\"https:\/\/www.pnas.org\/doi\/10.1073\/pnas.2533317123\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Forschungsbericht<\/a> im Fachjournal \u00bbPNAS\u00ab (Proceedings of the National Academy of Sciences) r\u00fcckt nun eine andere, bislang weitgehend \u00fcbersehene Frage ins Zentrum: Wie unterscheiden sich die Geburtenzahlen von M\u00e4nnern und Frauen, wenn man beide Geschlechter als Teil derselben demografischen Realit\u00e4t betrachtet? Die Antwort (siehe <a href=\"https:\/\/www.demogr.mpg.de\/de\/news_events_6123\/news_pressemitteilungen_4630\/presse\/maenner_haben_weniger_kinder_als_frauen_15397\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pressemitteilung<\/a>) der Forscher um Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut f\u00fcr demografische Forschung in Rostock ist bemerkenswert. Weltweit, so ihr Befund, bekommen Frauen seit 2024 im Durchschnitt mehr Kinder als M\u00e4nner. Damit ist eine historische Umkehr vollzogen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Das Ergebnis ist auf den ersten Blick irritierend, denn nat\u00fcrlich geb\u00e4ren nur Frauen Kinder. Gemeint ist etwas anderes: die statistisch gesch\u00e4tzte durchschnittliche Kinderzahl, die M\u00e4nnern und Frauen am Ende ihres reproduktiven Lebens zugerechnet werden kann. Dass diese Zahl f\u00fcr M\u00e4nner heute niedriger ausf\u00e4llt als f\u00fcr Frauen, ist kein biologisches Paradox, sondern Ausdruck einer ver\u00e4nderten Bev\u00f6lkerungsstruktur. Die Autoren sprechen von einer zunehmenden \u00bbMaskulinisierung\u00ab der Populationen im reproduktiven Alter.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Eine Verschiebung der Grundstruktur<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen, die sich gegenseitig verst\u00e4rken. Zum einen sinkt weltweit die Sterblichkeit, die Unterschiede zwischen m\u00e4nnlicher und weiblicher Lebenserwartung schrumpfen. Das f\u00fchrt dazu, dass mehr M\u00e4nner in die Altersgruppen hineinwachsen, in denen Partnerschaft und Elternschaft typischerweise stattfinden. Zum anderen spielen in einigen L\u00e4ndern auch geschlechtsselektive Abtreibungen (meistens M\u00e4dchen) eine Rolle, die das Geschlechterverh\u00e4ltnis bei der Geburt zugunsten von Jungen verschieben. Der nat\u00fcrliche Geburten\u00fcberschuss von 105 Jungen zu 100 M\u00e4dchen wird verst\u00e4rkt und verstetigt sich.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Gerade diese Verschiebung im Zahlenverh\u00e4ltnis von M\u00e4nnern und Frauen ist der zentrale Treiber des neuen Trends. Wenn in den reproduktiven Altersgruppen mehr M\u00e4nner als Frauen vorhanden sind, dann sinkt die rechnerische Fertilit\u00e4t der M\u00e4nner st\u00e4rker als die der Frauen. Vereinfacht gesagt: Auf einen Mann kommen statistisch weniger potenzielle Geburten als fr\u00fcher, w\u00e4hrend die weibliche Fertilit\u00e4t weniger stark unter dieser Schieflage leidet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Hinzu kommt ein zweiter, subtilerer Effekt: M\u00e4nner bekommen Kinder im Durchschnitt sp\u00e4ter als Frauen. Auch dieser Altersabstand beeinflusst die demografischen Berechnungen. Die Studie ber\u00fccksichtigt ihn ausdr\u00fccklich und zeigt dennoch, dass die Bev\u00f6lkerungsstruktur der wichtigste Faktor bleibt. Nicht einzelne Verhaltens\u00e4nderungen stehen also im Vordergrund, sondern die Zusammensetzung der Gesellschaft selbst.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Regionale Unterschiede<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der globale Trend verdeckt erhebliche regionale Unterschiede. In Europa und Nordamerika liegt der Wendepunkt schon lange zur\u00fcck; dort \u00fcberstieg die weibliche Fertilit\u00e4t die m\u00e4nnliche bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren. In Lateinamerika erfolgte der \u00dcbergang in der j\u00fcngeren Vergangenheit. In Nordafrika, Ostasien, Ozeanien und Zentralasien wird er vielerorts erst in den kommenden Jahrzehnten erwartet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders deutlich zeigt sich die Dynamik in Ostasien. China, Indien und S\u00fcdkorea stechen als L\u00e4nder hervor, in denen der M\u00e4nner\u00fcberschuss im reproduktiven Alter durch fr\u00fchere geschlechtsspezifische Selektion zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt wurde. In S\u00fcdkorea erfolgte der Umschlag bereits 1994, in China 1996, in Indien erst 2020. Gerade dort k\u00f6nnten die Unterschiede zwischen m\u00e4nnlicher und weiblicher Fertilit\u00e4t k\u00fcnftig weiter wachsen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Subsahara-Afrika bildet die gro\u00dfe Ausnahme. In vielen L\u00e4ndern dieser Region wird der \u00dcbergang erst sehr viel sp\u00e4ter, teils nicht vor 2100, erwartet. Die Gr\u00fcnde liegen in der dort weiterhin hohen M\u00fcttersterblichkeit und in anderen demografischen Mustern, die die Alters- und Geschlechtsstruktur anders pr\u00e4gen als in weiten Teilen der Welt. Der globale Trend ist also real, aber keineswegs \u00fcberall gleich stark.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Wie Bev\u00f6lkerungen m\u00e4nnlicher werden<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Studie zeigt, dass sich die Verschiebung nicht auf einen einzigen Ausl\u00f6ser zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4sst. Vielmehr wirken zwei langfristige Prozesse zusammen: die Geschlechterverteilung bei der Geburt und die geschlechtsspezifische Sterblichkeit \u00fcber den Lebensverlauf. Zwar kommen nat\u00fcrlicherweise etwas mehr Jungen als M\u00e4dchen zur Welt, doch normalerweise gleicht sich dieses Verh\u00e4ltnis im Lebensverlauf teilweise aus. Wenn aber die Sterblichkeit sinkt und die Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen kleiner werden, bleiben die m\u00e4nnlichen Kohorten l\u00e4nger in den j\u00fcngeren und mittleren Altersgruppen dominant.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">In L\u00e4ndern mit stark verzerrter Geschlechterverteilung bei der Geburt versch\u00e4rft sich dieser Effekt. Die Autoren nennen China, Indien und S\u00fcdkorea als Beispiele f\u00fcr Staaten, in denen solche Muster besonders sichtbar sind. Dort ist die Bev\u00f6lkerung im reproduktiven Alter teils deutlich m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt. In kleineren Staaten k\u00f6nnen schon moderate Ver\u00e4nderungen bei Geburten oder Migration starke statistische Wirkungen entfalten, weil die Gesamtpopulation weniger robust ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Auch Krisen hinterlassen Spuren. Kriege, Gewalt und andere demografische Schocks ver\u00e4ndern das Geschlechterverh\u00e4ltnis oft \u00fcber Jahrzehnte hinweg. Wenn in bestimmten Jahrg\u00e4ngen \u00fcberproportional viele M\u00e4nner sterben, verschiebt sich die sp\u00e4tere Bev\u00f6lkerungsstruktur in die entgegengesetzte Richtung. Die Studie verweist daf\u00fcr unter anderem auf Guatemala und Ruanda, wo konfliktreiche Phasen bis heute messbare Folgen f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis der Geschlechter haben.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Folgen f\u00fcr Partnerschaft und Familie<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die eigentliche Sprengkraft des Befunds liegt nicht allein in der Statistik, sondern in den sozialen Folgen. Wenn mehr M\u00e4nner als Frauen im heirats- und reproduktionsf\u00e4higen Alter vorhanden sind, verknappen sich die Chancen auf Partnerschaft. Das versch\u00e4rft die Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt und kann dazu f\u00fchren, dass mehr M\u00e4nner dauerhaft kinderlos bleiben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass sich diese Ungleichgewichte besonders in den L\u00e4ndern mit extremen M\u00e4nner\u00fcbersch\u00fcssen bemerkbar machen d\u00fcrften. Dort k\u00f6nnen sich nicht nur die Chancen auf Familiengr\u00fcndung verschlechtern, sondern auch die Verhandlungsmacht in Beziehungen verschieben. Hinzu kommt, dass ein solcher \u00dcberschuss den durchschnittlichen Altersabstand zwischen Partnern vergr\u00f6\u00dfern kann. Partnerschaft wird dann selektiver, exklusiver und f\u00fcr viele schlicht unerreichbar.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Langfristig k\u00f6nnten daraus auch gesellschaftliche Risiken erwachsen. In der wissenschaftlichen Literatur werden f\u00fcr Gesellschaften mit einem deutlichen M\u00e4nner\u00fcberschuss unter anderem h\u00f6here Gewaltneigung, mehr soziale Instabilit\u00e4t und eine st\u00e4rkere Ausbreitung sexuell \u00fcbertragbarer Krankheiten diskutiert. Die Autoren verweisen zudem darauf, dass Kinderlosigkeit bei M\u00e4nnern oft mit schlechterer Gesundheit, geringerer sozialer Einbindung und h\u00f6herer Abh\u00e4ngigkeit von professioneller Betreuung im Alter verbunden ist.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Eine neue demografische Realit\u00e4t<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders nachdr\u00fccklich f\u00e4llt die Schlussfolgerung der Studie aus: Der Umschlag von einer m\u00e4nnlich h\u00f6heren zu einer weiblich h\u00f6heren Fertilit\u00e4t markiere den Beginn einer neuen demografischen Realit\u00e4t. Diese Ver\u00e4nderung sei nicht nur eine statistische Randnotiz, sondern k\u00f6nne tief in soziale Ordnungen hineinwirken. Vor allem in stark m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Bev\u00f6lkerungen drohten wachsende Spannungen auf dem Partnerschaftsmarkt, mehr Kinderlosigkeit und neue Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und sozialen Schichten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Autoren verbinden ihre Diagnose deshalb mit einem politischen Appell. N\u00f6tig seien Ma\u00dfnahmen gegen geschlechtsspezifische Abtreibung, bessere Bildungs- und Besch\u00e4ftigungschancen f\u00fcr M\u00e4nner ohne Partnerin und Kinder sowie soziale und rechtliche L\u00f6sungen f\u00fcr Singles und Kinderlose. Dazu k\u00f6nnten etwa neue Formen sozialer Unterst\u00fctzung, Freundschaftsnetzwerke oder ein breiterer Zugang zu reproduktionstechnischen Angeboten geh\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Bericht macht damit deutlich: Demografie ist keine abstrakte Zahlenspielerei, sondern beschreibt die Grundarchitektur gesellschaftlicher Beziehungen. Wenn sich das Verh\u00e4ltnis von M\u00e4nnern und Frauen in den entscheidenden Lebensjahren verschiebt, ver\u00e4ndert sich nicht nur die Statistik der Geburten. Es ver\u00e4ndern sich auch die Chancen auf Partnerschaft, Familie, soziale Zugeh\u00f6rigkeit \u2013 und letztlich die Stabilit\u00e4t ganzer Gesellschaften.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange galt in der Demografie eine einfache Grundregel: Die Fertilit\u00e4t wird fast immer aus weiblicher Perspektive gemessen, weil Geburt und Mutterschaft erstens offensichtlich und zweitens statistisch leichter zu erfassen sind. 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