{"id":2598,"date":"2026-03-01T23:34:47","date_gmt":"2026-03-01T22:34:47","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2598"},"modified":"2026-03-01T23:34:47","modified_gmt":"2026-03-01T22:34:47","slug":"wenn-sich-der-intelligenztrend-umkehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2598","title":{"rendered":"Wenn sich der Intelligenztrend umkehrt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00dcber weite Teile des 20. Jahrhunderts schien der Fortschritt eindeutig: Jede neue Generation schnitt in Intelligenztests besser ab als die vorherige. Dieses Ph\u00e4nomen wurde als Flynn-Effekt bekannt, benannt nach dem Politikwissenschaftler James Flynn, der den globalen Aufw\u00e4rtstrend erstmals systematisch beschrieb. Verbesserte Ern\u00e4hrung, bessere medizinische Versorgung, l\u00e4ngere Schulbildung und steigende Lebensstandards galten als seine wichtigsten Treiber.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Doch seit etwa zwei Jahrzehnten mehren sich <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/-11179410\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hinweise<\/a>, dass dieser Trend ins Stocken geraten ist \u2013 und sich in vielen westlichen L\u00e4ndern sogar umkehrt. Internationale Vergleichsstudien zeigen r\u00fcckl\u00e4ufige Leistungen bei Lesen, Mathematik und naturwissenschaftlichem Denken. Auch Aufmerksamkeitsspanne, Probleml\u00f6sef\u00e4higkeit und abstraktes Denken entwickeln sich bei Jugendlichen schw\u00e4cher als noch in den 1990er- oder 1970er-Jahren. Bemerkenswert ist dabei: Diese Entwicklung vollzieht sich trotz h\u00f6herer Bildungsinvestitionen und nahezu fl\u00e4chendeckender Schulbildung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Genetische Erkl\u00e4rungen greifen zu kurz. Der zeitliche Verlauf ist daf\u00fcr zu abrupt, und Untersuchungen innerhalb von Familien zeigen, dass sich Leistungsgewinne und -verluste zwischen Geschwistern derselben Generation unterscheiden. Der entscheidende Faktor liegt offenbar in der Umwelt \u2013 genauer gesagt in einer tiefgreifenden Ver\u00e4nderung der Lern- und Aufmerksamkeitsbedingungen.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Warum Bildschirme das Lernen bremsen<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Kaum etwas hat den Bildungsalltag so stark ver\u00e4ndert wie digitale Technologien. Tablets, Laptops und cloudbasierte Plattformen pr\u00e4gen inzwischen einen Gro\u00dfteil des Unterrichts. Viele Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verbringen mehrere Stunden pro Schultag vor Bildschirmen \u2013 zus\u00e4tzlich zur privaten Nutzung in ihrer Freizeit. Diese Entwicklung f\u00e4llt zeitlich auff\u00e4llig mit dem Ende des Flynn-Effekts zusammen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der australische Neurowissenschaftler Jared Cooney Horvath <a href=\"https:\/\/www.commerce.senate.gov\/services\/files\/A19DF2E8-3C69-4193-A676-430CF0C83DC2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">sieht<\/a> darin keinen Zufall, sondern einen strukturellen Konflikt zwischen menschlicher Kognition und digitaler Technik. Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren, Zusammenh\u00e4nge zu vertiefen und Informationen aktiv zu verarbeiten. Digitale Plattformen hingegen sind darauf optimiert, Aufmerksamkeit zu fragmentieren: Benachrichtigungen, Hyperlinks, Multitasking und permanentes Umschalten geh\u00f6ren zu ihrem Grunddesign.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Selbst wenn digitale Ger\u00e4te f\u00fcr schulische Zwecke genutzt werden, trainieren sie dieselben Verhaltensmuster wie soziale Medien oder Unterhaltung: h\u00e4ufiges Wechseln, fl\u00fcchtiges Lesen, parallele Reize. Studien zeigen, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler w\u00e4hrend der Arbeit am Bildschirm einen erheblichen Teil der Zeit mit fachfremden Aktivit\u00e4ten verbringen. Jeder Aufmerksamkeitswechsel kostet Zeit, erh\u00f6ht die Fehleranf\u00e4lligkeit und schw\u00e4cht die Ged\u00e4chtnisbildung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders deutlich wird der Effekt bei grundlegenden Lernprozessen. Gedruckte Texte werden im Durchschnitt besser verstanden und nachhaltiger erinnert als Bildschirmtexte, vor allem bei l\u00e4ngeren und komplexen Inhalten. Die r\u00e4umliche Stabilit\u00e4t einer Buchseite unterst\u00fctzt das mentale Ordnen von Informationen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich beim Mitschreiben: Handschriftliche Notizen f\u00f6rdern das aktive Verarbeiten und Zusammenfassen, w\u00e4hrend Tippen h\u00e4ufig zu wortgetreuer, aber gedanklich oberfl\u00e4chlicher Mitschrift verleitet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Digitale Lernmittel schneiden auch in gro\u00dfen \u00dcbersichtsanalysen ern\u00fcchternd ab. Werden sie nicht mit \u00bbNichtstun\u00ab, sondern mit herk\u00f6mmlichem Unterricht verglichen, zeigen die meisten keinen nennenswerten Zusatznutzen. Nur sehr eng begrenzte Anwendungen \u2013 etwa adaptive \u00dcbungsprogramme f\u00fcr Basisfertigkeiten \u2013 erreichen messbare Vorteile. F\u00fcr vertieftes Verstehen, kritisches Denken und langfristige Wissensbildung sind sie hingegen meist unterlegen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung reichen weit \u00fcber Schule und Universit\u00e4t hinaus. Kognitive F\u00e4higkeiten sind eine zentrale Grundlage f\u00fcr Innovationskraft, wirtschaftliche Produktivit\u00e4t, demokratische Urteilsf\u00e4higkeit und individuelle Gesundheit. Ein langfristiger R\u00fcckgang bedeutet nicht weniger als eine schleichende Erosion des gesellschaftlichen Potenzials.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Technologie aus Bildung verbannt werden sollte. Sie lautet, welche Rolle sie spielen darf. Lernen braucht Tiefe, Konzentration und Zeit. Wo digitale Systeme diese Voraussetzungen untergraben, stehen sie nicht f\u00fcr Fortschritt \u2013 sondern f\u00fcr einen teuren Umweg.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber weite Teile des 20. Jahrhunderts schien der Fortschritt eindeutig: Jede neue Generation schnitt in Intelligenztests besser ab als die vorherige. Dieses Ph\u00e4nomen wurde als Flynn-Effekt bekannt, benannt nach dem Politikwissenschaftler James Flynn, der den globalen Aufw\u00e4rtstrend erstmals systematisch beschrieb. 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