{"id":2560,"date":"2026-02-03T23:16:30","date_gmt":"2026-02-03T22:16:30","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2560"},"modified":"2026-02-03T23:23:39","modified_gmt":"2026-02-03T22:23:39","slug":"globaler-liberalismus-game-over","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2560","title":{"rendered":"Globaler Liberalismus \u2013 Game over?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Im <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HmwL42z-S5k\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gespr\u00e4ch<\/a> mit dem norwegischen Historiker Glenn Diesen entwirft der \u00d6konom Philip Pilkington das in seinem neuesten Buch \u00bbThe Collapse of Global Liberalism: And the Emergence of the Post Liberal World Order\u00ab gezeichnete Bild einer Welt, in der sich das ideologische Fundament der vergangenen drei Jahrzehnte rapide aufl\u00f6st. Sein Befund ist eindeutig: Der globale Liberalismus \u2013 verstanden als Kombination aus freien M\u00e4rkten, liberaler Demokratie und universalistischem Sendungsbewusstsein \u2013 befindet sich nicht nur in einer Krise, sondern bereits im Stadium des Zusammenbruchs.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Liberalismus als Missionsprojekt<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Pilkington widerspricht der verbreiteten Lesart, Liberalismus sei prim\u00e4r eine Lehre von Zur\u00fcckhaltung und individueller Freiheit im Sinne Isaiah Berlins \u00bbnegativer Freiheit\u00ab. Stattdessen beschreibt er ihn als von Beginn an expansives, \u00bbpositives\u00ab Projekt. In dieser Tradition stehend, habe Francis Fukuyama mit seiner These vom \u00bbEnde der Geschichte\u00ab den Liberalismus treffender erfasst als viele seiner Kritiker: als Ideologie, die sich selbst verwirklichen und ausbreiten will.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Historisch verortet Pilkington die Wurzeln des Liberalismus in der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts und in John Lockes Staatsphilosophie. Pilkington: \u00bb<em>Er war eine Revolution, eine republikanische Revolution von<\/em> [Oliver] <em>Cromwell gegen den Monarchen. Karl I. verlor <\/em>[am 30. Januar 1649]<em> seinen Kopf. Wenn ein K\u00f6nig seinen Kopf verliert, hat man es nicht mit einem B\u00fcrgerkrieg zu tun. Du hast es mit einer Revolution zu tun und es gab eine kurze Zeit, in der England eine Republik war<\/em>.\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Von dort aus habe sich das Denken \u00fcber das britische Empire, die atlantischen Revolutionen und schlie\u00dflich nach 1945 \u00fcber die USA global verbreitet. Entscheidend sei jedoch: Liberalismus sei selten in \u00bbReinform\u00ab praktiziert worden. Meist sei er durch nationale, religi\u00f6se oder soziale Gegengewichte eingebettet gewesen. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges habe er \u00bbdie Handschuhe ausgezogen\u00ab und versucht, sich innen- wie au\u00dfenpolitisch ungehemmt durchzusetzen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Milit\u00e4rische Interventionen \u2013 von Serbien \u00fcber den Irak bis zur Ukraine \u2013 deutet Pilkington als Ausdruck dieses missionarischen Liberalismus. Der Anspruch, universelle Werte zu verbreiten, sei dabei regelm\u00e4\u00dfig mit machtpolitischer Hegemonie verschmolzen. Der Liberalismus erscheine so nicht als Gegenmodell zum Imperium, sondern als dessen moderne Rechtfertigungsideologie.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Der Bruch zwischen Markt und Demokratie<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders scharf analysiert Pilkington das Verh\u00e4ltnis von Liberalismus, Demokratie und Kapitalismus. Die heute gel\u00e4ufige Formel der \u00bbliberalen Demokratie\u00ab h\u00e4lt er f\u00fcr eine historisch junge, vor allem nach 1945 unter US-F\u00fchrung entstandene Synthese. Liberalismus selbst sei lange keineswegs demokratisch gewesen; seine ideengeschichtlichen Leitfiguren h\u00e4tten auch mit autorit\u00e4ren Ordnungen koexistiert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Mit der Globalisierung der 1990er Jahre sei diese Spannung offen zutage getreten. Politik sei zunehmend nicht mehr daran gemessen worden, ob sie den Lebensstandard breiter Bev\u00f6lkerungsschichten hebt, sondern ob sie einem abstrakten Ideal globaler Markteffizienz entspricht. Produktionsverlagerungen, Deindustrialisierung und wachsende Ungleichheit im Westen seien als bedauerliche, aber notwendige Nebenfolgen einer angeblich \u00bboptimalen\u00ab Weltwirtschaft hingenommen worden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">In den USA habe dies zu einer tiefgreifenden Umstrukturierung gef\u00fchrt: vom produktiven Industriearbeiter zum verschuldeten Konsumenten. Das zugrunde liegende Modell beschreibt Pilkington als \u00bbfinanzialisiertes System\u00ab, das auf dauerhaften Handelsdefiziten beruht. Diese seien nur m\u00f6glich gewesen, weil der Rest der Welt bereit war, Dollarreserven und US-Verm\u00f6genswerte zu halten. Der Dollar fungierte so als globales Machtinstrument \u2013 eine Art indirekte Besteuerung der gesamten Welt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Doch dieses System erodiere. Sp\u00e4testens seit der Beschlagnahmung russischer Devisenreserven 2022 sei das Vertrauen in die politische Neutralit\u00e4t des Dollars ersch\u00fcttert. Wenn immer mehr Staaten ihre Abh\u00e4ngigkeit vom Dollar reduzierten, m\u00fcssten die USA ihren Lebensstandard st\u00e4rker an die eigene reale Produktionsbasis anpassen \u2013 mit potenziell massiven sozialen und politischen Verwerfungen.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Vom Produktivkapitalismus zur Renten\u00f6konomie<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Parallel dazu beschreibt Pilkington einen inneren Strukturwandel westlicher Volkswirtschaften: den \u00dcbergang von produktivem Kapitalismus zu einer rentenbasierten \u00d6konomie. Klassische \u00d6konomen h\u00e4tten noch klar zwischen Gewinn aus produktiver T\u00e4tigkeit und Rente aus Besitz- oder Monopolpositionen unterschieden. In der heutigen Finanz\u00f6konomie verschwimme dieser Unterschied.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn Investitionen in reale Produktion an Attraktivit\u00e4t verlieren, verlagere sich Kapital in Bereiche, in denen Einkommen vor allem durch Absch\u00f6pfung bestehender Werte entsteht: Immobilien als Mietmaschine, Private-Equity-Strategien, die Firmen ausnehmen, oder Gesch\u00e4ftsmodelle, die auf Verschuldung, Geb\u00fchren und \u00bbLasterkonsum\u00ab beruhen \u2013 von Gl\u00fccksspiel \u00fcber Porno-Apps bis zur digitalen Vermarktung sonstiger S\u00fcchte. Pilkington: \u00bb<em>Wenn man die Menschen bei bestimmten Produkten einfach gew\u00e4hren l\u00e4sst, treiben sie es wirklich bis zum \u00c4u\u00dfersten. Und das haben sie z.B. mit Opiaten in den USA gemacht. Sie versuchten eine Zeitlang Opiate zu vermarkten und zerst\u00f6rten dadurch einen gro\u00dfen Teil des sozialen Gef\u00fcges. Und jetzt tun sie es durch Gl\u00fccksspiel, haupts\u00e4chlich durch Gamifizierung und \u00e4hnliches. Ich denke, das ist im Grunde ein Versuch, Konsumhebel zu finden oder Wege,<\/em> [um den] <em>Menschen Geld zu entziehen, die sonst nicht m\u00f6glich w\u00e4ren.<\/em>\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr Pilkington ist das eine \u00f6konomisch wie sozial nicht nachhaltige Entwicklung. Im Gegenteil: Sie verst\u00e4rkt das Gef\u00fchl von Sinnverlust und Instabilit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Das Ende des globalen Liberalismus \u2013 und was folgt<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der \u00bbZusammenbruch\u00ab bedeutet f\u00fcr Pilkington nicht zwangsl\u00e4ufig den Kollaps der Weltwirtschaft, wohl aber das Ende eines spezifischen Ordnungsmodells: einer US-zentrierten, liberal legitimierten Globalisierung mit weitgehend freien Kapitalstr\u00f6men und normativem Universalismus. An ihre Stelle trete eine multipolare Welt, in der gro\u00dfe Zivilisationsr\u00e4ume wieder st\u00e4rker aus ihren eigenen historischen Traditionen heraus agieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">China dient ihm als Prototyp eines postliberalen Modells: marktwirtschaftlicher Wettbewerb auf Unternehmensebene, aber strategische Lenkung von Kapital und Ressourcen durch den Staat \u2013 ein moderner Dirigismus mit konfuzianischen Z\u00fcgen. Auch Russland, Indien oder Akteure im Nahen Osten interpretiert er als Gesellschaften, die sich ideologisch und institutionell st\u00e4rker auf zivilisatorische Kontinuit\u00e4ten besinnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00bb<em>Und was wir sehen, was meiner Meinung nach das Interessanteste ist, was in den letzten Wochen passiert ist, ist die Entstehung einer Art sunnitischer NATO im Nahen Osten, was zunehmend danach aussieht, als w\u00fcrde die Region zu ihrer Form vor 1914 zur\u00fcckkehren. Im Grunde ein sunnitischer Block, der fr\u00fcher Osmanisches Reich genannt wurde.<\/em> (\u2026) <em>und ein schiitischer Block, was fr\u00fcher Persien war.<\/em>\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr Europa und Nordamerika sieht Pilkington zwei M\u00f6glichkeiten. Entweder drohe ein schleichender \u00bbEntzivilisierungsprozess\u00ab: institutioneller Verfall, sinkende Kompetenz, politische Dysfunktion \u2013 ein langsames Vergessen, wie komplexe Systeme eigentlich funktionieren. Oder aber es gelinge eine postliberale Neuorientierung, die wieder st\u00e4rker auf soziale Koh\u00e4sion, kulturelle Verwurzelung und reale Wirtschaftsleistung setzt, statt auf abstrakte Marktideale und moralischen Universalismus.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Pilkington: \u00bb<em>Ich glaube,<\/em> (\u2026) <em>die F\u00fchrungsschicht in Europa ist, w\u00fcrde ich sagen, absichtlich schwach, wenn man das so interpretieren m\u00f6chte, aber sie ist auf jeden Fall sehr schwach. Also wissen wir nicht, wohin das alles f\u00fchren wird, aber ich denke, wir m\u00fcssen in Europa wieder zu den Grundlagen zur\u00fcckkehren, um ehrlich zu sein<\/em>.\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Sicher ist f\u00fcr ihn nur eines: Die Epoche, in der der Westen seine eigene Ordnung als universelles Endstadium der Geschichte verstand, geht zu Ende. Die Welt nach dem Liberalismus werde pluraler, machtpolitischer und zivilisatorisch vielf\u00e4ltiger sein \u2013 und deutlich weniger \u00fcberzeugt davon, dass ein einziges Modell f\u00fcr alle gilt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Ganz ohne Konflikte werde dieser Umbruch aber nicht verlaufen, vermutet Pilkington: \u00bb<em>Ich erwarte viele Scharm\u00fctzel und kleinere Kriege, w\u00e4hrend wir in die multipolare Phase eintreten, aber ich denke, sie werden recht begrenzt bleiben.<\/em> (\u2026) <em>Ich denke also, wenn wir es schaffen zu verhindern, dass ein echter Irrer den Finger auf den nuklearen Knopf legt oder dass wirklich verr\u00fcckte Leute in Amerika, w\u00e4hrend das Land an globaler Bedeutung verliert, ein Streit mit z.B. China \u00fcber Taiwan beginnen und wir am Ende einen versenkten Flugzeugtr\u00e4ger haben, wo entschieden werden muss, ob man den nuklearen Knopf dr\u00fcckt oder nicht, dann k\u00f6nnten wir das Schlimmste vermeiden.<\/em>\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Doch eine Sorge bleibt am Ende: \u00bb<em>Werden die Europ\u00e4er zivilisiert genug bleiben, um zu verstehen, was vor sich geht? Oder werden wir gewisserma\u00dfen zur elektronischen Variante der Analphabeten im Pelz zur\u00fcckkehren?<\/em>\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. 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