{"id":2542,"date":"2026-01-29T10:39:31","date_gmt":"2026-01-29T09:39:31","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2542"},"modified":"2026-01-29T10:39:31","modified_gmt":"2026-01-29T09:39:31","slug":"ein-mathematiker-rechnet-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2542","title":{"rendered":"Ein Mathematiker rechnet ab"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Bernhard Kr\u00f6tz ist kein Mann der p\u00e4dagogischen Leisetreterei. Wenn der Mathematiker und Hochschullehrer an der Universit\u00e4t Paderborn \u00fcber Schule, Studium und Bildungspolitik <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=o28WEpwNx4A\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">spricht<\/a>, klingt das eher nach dem Zustandsbericht \u00fcber einen Sanierungsfall als nach akademischer Fachdiskussion. Sein Befund: Das deutsche \u2013 ja, das westliche \u2013 Bildungssystem verliere systematisch an fachlicher Substanz, an Leistungsanspruch und an intellektueller Redlichkeit. Mathematik ist f\u00fcr ihn dabei nicht nur ein Schulfach, sondern Seismograf f\u00fcr den geistigen Zustand der Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Mathematik als Ma\u00dfstab f\u00fcr Denken<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr Kr\u00f6tz ist Mathematik weit mehr als Rechnen. Sie sei \u00bbdas Grundlagenfach f\u00fcr alle Naturwissenschaften\u00ab und zugleich das Training f\u00fcr logisches, analytisches Denken. In Formeln werde Sprache \u00bbkompaktifiziert\u00ab \u2013 komplexe Zusammenh\u00e4nge w\u00fcrden pr\u00e4zise darstellbar. Wer hier Defizite habe, habe meist auch Probleme mit strukturiertem Denken insgesamt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Dass Studierende heute selbst grundlegende Techniken wie Termumformungen oder Bruchrechnung nicht mehr sicher beherrschen, ist f\u00fcr ihn daher kein Randph\u00e4nomen, sondern ein Alarmsignal. Die Schw\u00e4chen betr\u00e4fen zudem nicht nur Deutschland. \u00c4hnliche Entwicklungen beobachte er in Frankreich, den USA oder Israel. Selbst an Eliteuniversit\u00e4ten m\u00fcssten Studienanf\u00e4nger inzwischen Vorkurse in Schulmathematik besuchen.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Von der Stoffl\u00fccke zur Anspruchssenkung<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">An den Hochschulen versuche man, die Defizite mit Br\u00fcckenkursen abzufangen. Doch drei Wochen Wiederholung k\u00f6nnten Jahre vers\u00e4umten Lernens nicht ersetzen. Die Folge sei aus seiner Sicht ein stiller Systemwechsel: \u00bbWas die Universit\u00e4ten dann fl\u00e4chendeckend gemacht haben, sie haben halt die Standards gesenkt, um die Absolventenquoten weiter hochzuhalten.\u00ab Er selbst versuche zwar gegenzusteuern, r\u00e4umt aber ein: \u00bbDas wird auch immer schwieriger.\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Gleichzeitig beobachtet er eine ver\u00e4nderte Arbeitshaltung. Studieren werde nicht mehr als Vollzeitaufgabe verstanden. Fr\u00fcher seien 40, oft sogar 60 Wochenstunden selbstverst\u00e4ndlich gewesen. Heute fehle vielen die Belastbarkeit \u2013 und der Wille, sich durch schwierige Probleme zu arbeiten.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">\u00bbLerncoach\u00ab statt Fachautorit\u00e4t<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Ursachen verortet Kr\u00f6tz weit vor der Universit\u00e4t. Schule sei zunehmend \u00bbsch\u00fclerzentriert\u00ab, Lehrkr\u00e4fte w\u00fcrden als \u00bbLernbegleiter\u00ab oder gar Sozialarbeiter verstanden. Wissensvermittlung und fachliche Tiefe tr\u00e4ten in den Hintergrund. Klassenarbeiten best\u00fcnden h\u00e4ufiger aus Zuordnungsaufgaben statt aus eigenst\u00e4ndigen Darstellungen. Selbstst\u00e4ndiges Denken werde seltener eingefordert \u2013 mit fatalen Folgen, wenn junge Menschen sp\u00e4ter an der Hochschule pl\u00f6tzlich eigenst\u00e4ndig arbeiten sollen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders kritisch sieht er die Lehrerausbildung. Dort sei die fachliche Substanz ausged\u00fcnnt worden, w\u00e4hrend p\u00e4dagogische und bildungswissenschaftliche Inhalte wuchsen. Die Identifikation mit dem eigenen Fach gehe verloren. F\u00fcr ihn aber sollte ein Gymnasiallehrer in erster Linie Fachvertreter sein \u2013 mit Pers\u00f6nlichkeit, Profil und Begeisterung f\u00fcr seinen Gegenstand.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">K\u00fcnstliche Intelligenz als Beschleuniger des Problems<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Hinzu komme die rasante Verbreitung von KI-Systemen. Aufgabenbl\u00e4tter lie\u00dfen sich in Sekunden l\u00f6sen, L\u00f6sungen w\u00fcrden abgeschrieben, ohne den L\u00f6sungsweg zu verstehen. \u00bbDer Selbstbetrug ist nat\u00fcrlich gigantisch\u00ab, sagt Kr\u00f6tz. In Pr\u00fcfungen zeige sich dann, dass jedes grundlegende Verst\u00e4ndnis fehle.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Zugleich bleibt er n\u00fcchtern: F\u00fcr echte mathematische Forschung liefere KI keine originellen Ideen. Sie k\u00f6nne helfen, Daten schnell zu sammeln oder Standardaufgaben zu l\u00f6sen, neige aber zu Fehlern und \u00bbHalluzinationen\u00ab. Als Werkzeug sei sie n\u00fctzlich \u2013 als Ersatz f\u00fcr Denken ungeeignet.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Akademische Titel f\u00fcr alle?<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein weiterer Kritikpunkt ist die starke Akademisierung. Die Zahl der Studierenden habe sich in wenigen Jahrzehnten etwa verdoppelt. Gleichzeitig sei das Abitur als verl\u00e4sslicher Nachweis der Studierf\u00e4higkeit ausgeh\u00f6hlt worden. F\u00fcr viele Berufe werde heute ein Hochschulabschluss verlangt, wo fr\u00fcher eine solide Berufsausbildung gen\u00fcgte. Das schade sowohl den Universit\u00e4ten als auch dem dualen System.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Bologna-Reform mit Bachelor- und Masterstrukturen sieht er als Wendepunkt. Das Studium sei \u00bbverschulter\u00ab, kleinteiliger und st\u00e4rker durchgetaktet worden. Fr\u00fcher h\u00e4tten Studierende nach dem Vordiplom eigenst\u00e4ndiger Schwerpunkte setzen k\u00f6nnen. Heute dominierten Modulpl\u00e4ne, ECTS-Punkte und Dauerpr\u00fcfungen \u2013 auf Kosten von Freiheit, Tiefe und intellektueller Reifung.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Bildung ist mehr als Output<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Dabei geht es Kr\u00f6tz nicht nur um Fachwissen, sondern um ein umfassendes Bildungsverst\u00e4ndnis. Studium bedeute auch kulturelle Horizonterweiterung: Theater, Literatur, Museen, Zeitung lesen, geistige Neugier jenseits des Curriculums. Diese Breite sei seltener geworden. Viele Studierende bewegten sich fast ausschlie\u00dflich in pr\u00fcfungsrelevanten Bahnen.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Kein Geld-,\u00a0<\/span><span style=\"color: #000000;\">sondern ein Haltungsproblem<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Mehr Geld h\u00e4lt er nicht f\u00fcr die L\u00f6sung. \u00bbIch glaube, wir sind ma\u00dflos \u00fcberfinanziert\u00ab, sagt er provokant. Das Problem liege nicht prim\u00e4r in fehlenden Mitteln, sondern in verlorenen Standards, falschen Anreizen und einer Kultur, die Leistung weniger einfordere und Abschl\u00fcsse immer st\u00e4rker entwerte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Sein Pl\u00e4doyer ist entsprechend unmodern: weniger Sch\u00f6nf\u00e4rberei, mehr fachliche Klarheit; weniger Kompetenzrhetorik, mehr solides K\u00f6nnen; weniger Zertifikate, mehr tats\u00e4chliche Bildung. Oder, in seinem Ton: Universit\u00e4ten sollten wieder Orte sein, an denen man \u00bbhochwertige Zertifikate\u00ab vergibt \u2013 und sich darauf verlassen kann, dass jemand mit Abschluss sein Fach wirklich beherrscht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernhard Kr\u00f6tz ist kein Mann der p\u00e4dagogischen Leisetreterei. 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