{"id":2534,"date":"2026-01-22T22:06:44","date_gmt":"2026-01-22T21:06:44","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2534"},"modified":"2026-01-22T22:42:51","modified_gmt":"2026-01-22T21:42:51","slug":"die-ueberlebenden-und-die-gluecklichen-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2534","title":{"rendered":"Die \u00dcberlebenden und die gl\u00fccklichen Toten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Seit 80 Jahren arbeiten Politiker, Milit\u00e4rs und Wissenschaftler an Waffen und Pl\u00e4nen, die geeignet sind, den Planeten zu vernichten und alles Leben mehrfach auszul\u00f6schen. Und sie haben diese Waffen immer mehr perfektioniert. Was bedeutet ein Atomkrieg wirklich? Und wie sehen die dazu entwickelten Kriegsspiele aus?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Seit Jahrzehnten ist der (f\u00fchr- und gewinnbare) Atomkrieg Teil der politischen Rhetorik, doch seine physikalische und biologische Realit\u00e4t wird systematisch verharmlost. In einem aufschlussreichen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UgHmjLkuEqY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gespr\u00e4ch<\/a> zerlegen Professorin Ivana Hughes und Professor Steven Starr diese Illusion Schritt f\u00fcr Schritt und zeigen, dass moderne Kernwaffen nicht einfach \u00bbst\u00e4rkere Bomben\u00ab sind, sondern ein grunds\u00e4tzlich anderes Zerst\u00f6rungsinstrument darstellen \u2013 mit Folgen, die weit \u00fcber das Schlachtfeld hinausreichen. \u00c6ON-Z berichtete mehrfach \u00fcber <a href=\"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2529\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studien<\/a> und <a href=\"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2241\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Szenarien<\/a>.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">A. Explosionen jenseits der Vorstellungskraft<\/span><\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die historischen Referenzpunkte Hiroshima und Nagasaki wirken heute tr\u00fcgerisch beruhigend. Die dort eingesetzten Bomben setzten beim Abwurf auf Hiroshima (\u00bbLittle Boy\u00ab) rund 15 Kilotonnen TNT-\u00c4quivalent frei. \u00bbFat Man\u00ab, die Nagasaki-Bombe, hatte eine Sprengkraft von etwa 21 Kilotonnen TNT. Moderne strategische Sprengk\u00f6pfe liegen meist zwischen 100 und 800 Kilotonnen, also beim Sieben- bis F\u00fcnfzigfachen. Extremwaffen wie die sowjetische Zar-Bombe erreichten mit rund 52 Megatonnen eine Sprengkraft, die etwa 4.000-mal \u00fcber der von Hiroshima lag. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl selbst, sondern ihre Wirkung: Eine Explosion mit vielfacher Energie entz\u00fcndet keine vielfach gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4che, sondern ein um Gr\u00f6\u00dfenordnungen gr\u00f6\u00dferes Gebiet. Die Brandzone w\u00e4chst exponentiell.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Schon eine einzelne 800-Kilotonnen-Detonation w\u00fcrde \u00fcber einer Gro\u00dfstadt eine Feuerkugel von etwa anderthalb Kilometern Durchmesser erzeugen. Ihre Oberfl\u00e4che ist hei\u00dfer als die der Sonne. Alles darunter verdampft in Sekundenbruchteilen. Innerhalb von Minuten vereinigen sich unz\u00e4hlige Einzelbr\u00e4nde zu einem nuklearen Feuersturm, der Luft mit mehreren hundert Kilometern pro Stunde ansaugt. Die Temperaturen steigen dabei auf 400 bis 500 Grad Celsius \u2013 weit \u00fcber dem Punkt, an dem Wasser kocht und organisches Leben \u00fcberleben kann.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Warum Atomwaffen mehr als \u00bbgro\u00dfen konventionelle Bomben\u00ab sind<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Chemische Explosionen setzen nahezu ihre gesamte Energie in Druck und Splitterwirkung um. Atomwaffen dagegen verteilen ihre Energie anders: Rund ein Drittel wird unmittelbar in Hitze umgesetzt, ein weiterer Teil in hochenergetische Strahlung. Gammastrahlen und Neutronen durchdringen K\u00f6rper, zerst\u00f6ren die DNS und t\u00f6ten Zellen auch jenseits der sichtbaren Zerst\u00f6rungszone. Selbst dort, wo Geb\u00e4ude stehen bleiben, ist Leben oft nicht mehr m\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Die unsichtbare Langzeitwaffe: radioaktive Isotope<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Noch zerst\u00f6rerischer als die Explosion selbst ist der Fallout. Kurzlebige Isotope wie Jod-131 mit einer Halbwertszeit von acht Tagen verschwinden relativ schnell, reichern sich aber w\u00e4hrenddessen gezielt in der Schilddr\u00fcse an und f\u00fchren zu stark erh\u00f6hten Krebsraten. Schwerwiegender sind langlebige Spaltprodukte: Strontium-90 und C\u00e4sium-137 besitzen Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren, bleiben also \u00fcber Jahrhunderte biologisch aktiv. Strontium verh\u00e4lt sich wie Kalzium und lagert sich in Knochen ein, C\u00e4sium imitiert Kalium und wird in Muskeln und Organen verteilt. Beide bestrahlen den K\u00f6rper von innen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Plutonium-239 schlie\u00dflich, mit einer Halbwertszeit von rund 24.500 Jahren, bleibt \u00fcber geologische Zeitr\u00e4ume gef\u00e4hrlich. Bereits winzige eingeatmete Mengen erh\u00f6hen drastisch das Lungenkrebsrisiko. Messungen auf den Marshallinseln zeigen, dass solche Isotope selbst 70 Jahre nach den Tests noch in B\u00f6den und Nahrungsmitteln nachweisbar sind.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Wer besonders leidet<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Strahlung trifft nicht alle gleich. Untersuchungsdaten zeigen, dass Kinder bei gleicher Dosis ein deutlich h\u00f6heres lebenslanges Krebsrisiko haben als Erwachsene. Frauen sind in allen Altersgruppen st\u00e4rker betroffen als M\u00e4nner. Diese Unterschiede werden in offiziellen Risikomodellen h\u00e4ufig gegl\u00e4ttet \u2013 mit der Folge, dass reale Opferzahlen untersch\u00e4tzt werden.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Vom Feuersturm zum globalen Klimaschock<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die gravierendste Erkenntnis betrifft die globale Wirkung. Bei einem gro\u00dfen Atomkrieg w\u00fcrden nach heutigen Modellen rund 150 Millionen Tonnen Ru\u00df aus den brennenden St\u00e4dten in die Stratosph\u00e4re gelangen. Dort kann er nicht ausgewaschen werden und verteilt sich binnen weniger Tage \u00fcber den gesamten Globus. Das Sonnenlicht w\u00fcrde massiv abgeschirmt: Auf der Nordhalbkugel k\u00e4men bis zu 70 Prozent weniger Licht am Boden an. Selbst am hellen Sommertag entspr\u00e4che die Helligkeit etwa der eines Vollmonds um Mitternacht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Folge w\u00e4re ein rapider Temperatursturz. Innerhalb von zwei Wochen fielen die Temperaturen weltweit, in gro\u00dfen Landregionen jahrelang unter den Gefrierpunkt. Niederschl\u00e4ge w\u00fcrden um bis zu 90 Prozent zur\u00fcckgehen. Landwirtschaft w\u00e4re praktisch unm\u00f6glich. Da die Weltbev\u00f6lkerung nur \u00fcber Vorr\u00e4te f\u00fcr etwa 50 bis 60 Tage verf\u00fcgt, w\u00fcrde selbst ein regional begrenzter Atomkrieg Milliarden Hungertote nach sich ziehen. Ein umfassender Schlagabtausch zwischen den USA und Russland bedeutete das faktische Ende der Zivilisation.<\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">B. Planspiele f\u00fcr\u2019s Aussterben<\/span><\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Im Schatten der bekannten Zahlen zu Sprengkraft, Strahlung und nuklearem Winter existiert eine zweite, oft verdr\u00e4ngte Ebene der Atomkriegsgefahr: konkrete milit\u00e4rische Planspiele. Sie zeigen, dass ein Atomkrieg in Europa \u2013 und besonders in Deutschland \u2013 nicht nur theoretisch denkbar war, sondern bis ins Detail durchgerechnet wurde. Diese Szenarien machen deutlich, warum Mitteleuropa im Ernstfall kaum \u00dcberlebenschancen gehabt h\u00e4tte.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Europa als atomarer Hauptkriegsschauplatz<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Alle gro\u00dfen Atomkriegsspiele des Kalten Krieges haben eines gemeinsam: Europa w\u00e4re nicht Nebenschauplatz, sondern prim\u00e4res Schlachtfeld gewesen. Die geographische N\u00e4he der NATO- und Warschauer-Pakt-Streitkr\u00e4fte, die hohe Bev\u00f6lkerungsdichte und die Konzentration milit\u00e4rischer Infrastruktur machten insbesondere die Bundesrepublik Deutschland zum zentralen Zielgebiet. W\u00e4hrend die USA und die Sowjetunion strategische Tiefe besa\u00dfen, lag Deutschland im Zentrum der Aufmarschzonen \u2013 ohne Ausweichraum.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Operation Unthinkable: Der fr\u00fche Tabubruch<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Bereits 1945 lie\u00df Winston Churchill mit \u203aOperation Unthinkable\u2039 ein Szenario ausarbeiten, in dem westliche Truppen \u2013 notfalls mit deutschen Einheiten \u2013 gegen die Sowjetunion vorgehen sollten. Obwohl damals Atomwaffen noch kaum eingeplant waren, markiert der Plan den mentalen Beginn eines Denkens, in dem Europa als Schlachtfeld akzeptiert wurde. Die implizite Annahme: Massive Zerst\u00f6rung auf dem Kontinent sei politisch hinnehmbar, solange die gro\u00dfen M\u00e4chte \u00fcberleben.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Plan Totality und Dropshot: Deutschland im Fadenkreuz<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Mit der US-Strategie \u203aTotality\u2039 (1945\/46) und sp\u00e4ter \u203aOperation Dropshot\u2039 (1950) wurde der Atomkrieg konkret. \u203aDropshot\u2039 sah im Kriegsfall den Einsatz von rund 300 Atombomben gegen sowjetische Ziele vor \u2013 zugleich aber auch massive Gegenschl\u00e4ge in Europa. West- und Ostdeutschland, Polen sowie die Tschechoslowakei galten als Durchmarsch- und Vernichtungszonen. St\u00e4dte wie Hamburg, Frankfurt, K\u00f6ln, Berlin, Leipzig und Dresden tauchten explizit in Zielkatalogen auf, nicht nur wegen ihrer Industrie, sondern auch zur \u00bbFl\u00e4chenneutralisierung\u00ab.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die damaligen Bomben lagen bereits bei 100 bis 500 Kilotonnen Sprengkraft. Ein einzelner Treffer h\u00e4tte eine Gro\u00dfstadt vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt, mehrere Treffer pro Region waren einkalkuliert. F\u00fcr Deutschland bedeutete das: kaum eine gr\u00f6\u00dfere Stadt w\u00e4re verschont geblieben.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">\u203aSeven Days to the River Rhine\u2039: Der atomare Durchbruch<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders drastisch war die streng geheime sowjetische Angriffsdoktrin bzw. das Blitzkrieg-Szenario \u203aSieben Tage bis zum Rhein\u2039 (russisch: \u0421\u0435\u043c\u044c \u0434\u043d\u0435\u0439 \u0434\u043e \u0440\u0435\u043a\u0438 \u0420\u0435\u0439\u043d) aus dem Jahr 1979. Es simulierte einen NATO-Erstschlag mit taktischen Atomwaffen gegen polnische und tschechoslowakische St\u00e4dte \u2013 gefolgt von einem massiven sowjetischen Antwortschlag gegen Westdeutschland, Belgien, die Niederlande, D\u00e4nemark und Nordostitalien. Innerhalb weniger Tage w\u00e4ren hunderte Atomsprengk\u00f6pfe auf deutschem Boden detoniert, darunter auch sogenannte \u00bbGefechtsfeldwaffen\u00ab im Bereich von zehn bis 50 Kilotonnen TNT. Die Sowjets planten den Einsatz von Atomwaffen mit einer Gesamtsprengkraft von etwa 7,5 Megatonnen. Die \u00f6sterreichische Hauptstadt Wien sollte mit zwei 500-Kilotonnen-Bomben getroffen werden. In Italien sollten Vicenza, Verona, Padua und mehrere Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte mit je einer 500-Kilotonnen-Bombe angegriffen werden. Die ungarische Volksarmee sollte anschlie\u00dfend Wien einnehmen. In Westdeutschland sollten Stuttgart, M\u00fcnchen und N\u00fcrnberg mit Atomwaffen zerst\u00f6rt und anschlie\u00dfend von den tschechoslowakischen und ungarischen Streitkr\u00e4ften besetzt werden. In D\u00e4nemark w\u00e4ren Roskilde und Esbjerg die ersten Ziele f\u00fcr Atomangriffe gewesen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Waffen galten offiziell als \u00bbbegrenzt einsetzbar\u00ab. Tats\u00e4chlich h\u00e4tten sie ganze Landstriche radioaktiv verseucht. Das Szenario rechnete offen damit, dass gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung in West- und Ostdeutschland sterben oder fliehen w\u00fcrden. Der Rhein war kein Rettungsziel, sondern lediglich eine milit\u00e4rische Linie in einer bereits verw\u00fcsteten Landschaft.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Able Archer 1983: Ein \u00bbBeinaheunfall\u00ab<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die europaweite NATO-Kommandostabs\u00fcbung Able Archer 83 war kein theoretisches Gedankenspiel, sondern eine reale NATO-\u00dcbung. Sie simulierte die Eskalation von einem konventionellen Krieg bis zum Atomwaffeneinsatz. Neu waren realistische Kommunikationsabl\u00e4ufe, echte Befehlsketten und eine glaubhafte politische Eskalation. Genau das machte die \u00dcbung so gef\u00e4hrlich: Die sowjetische F\u00fchrung hielt sie zeitweise f\u00fcr die Vorbereitung eines echten Erstschlags.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">W\u00e4re es zur Fehlinterpretation gekommen, h\u00e4tten sowjetische Raketen zuerst Europa getroffen \u2013 nicht die USA. Deutschland w\u00e4re innerhalb von Minuten Ziel strategischer und taktischer Sprengk\u00f6pfe geworden. Die Vorwarnzeit h\u00e4tte teilweise unter zehn Minuten gelegen. Evakuierung, Zivilschutz oder medizinische Hilfe w\u00e4ren illusorisch gewesen.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Wintex-Cimex 1989: Der verbeamtete Untergang<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders aufschlussreich war die Stabsrahmen\u00fcbung \u203aWintex-Cimex 89\u2039, ein NATO-Drehbuch zur zivil-milit\u00e4rischen Krisensteuerung. Sie ging von einem Atomkrieg in Europa aus und simulierte Millionen Tote, den Zusammenbruch der Infrastruktur und den Verlust staatlicher Kontrolle. Sie \u00fcberbot an Dramatik all die bisherigen Drehb\u00fccher, auf einen atomaren Erstschlag sollte diesmal auch ein Zweitschlag folgen. Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (29\/1989) schrieb: \u00bb<em>Die im Nato-Drehbuch vorgesehenen 45 atomaren Bomben, Raketensprengk\u00f6pfe und Artilleriegeschosse h\u00e4tten im Ernstfall nicht nur, wie wissenschaftliche Berechnungen ergaben, weite Teile der Bundesrepublik und der DDR durch Feuerst\u00fcrme und radioaktive Niederschl\u00e4ge verw\u00fcstet, sondern auch Millionen Menschen get\u00f6tet. In Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn w\u00e4ren ganze Landstriche f\u00fcr Jahrzehnte unbewohnbar gewesen. Auf amerikanischen Befehl sollten bei diesem Man\u00f6ver Dresden und Potsdam nuklear zerst\u00f6rt werden. Als Bundeskanzler Kohl informiert wurde, entschied er, sofort aus der \u00dcbung auszusteigen.<\/em>\u00ab \u00bb<em>Lasst diesen Unsinn<\/em>\u00ab, sagte er, wie nachtr\u00e4glich der parlamentarische Staatssekret\u00e4r im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer, berichtete.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr die Bundesrepublik bedeutete das Szenario: Der Staat h\u00e4tte aufgeh\u00f6rt zu funktionieren. Energieversorgung, Nahrungsmittelverteilung, medizinische Systeme und Kommunikation w\u00e4ren binnen Tagen kollabiert. Die \u00dcbung machte implizit klar, dass \u00bbRegierbarkeit\u00ab nach einem Atomkrieg eine Fiktion ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Alle diese Planspiele zeigen ein konsistentes Bild: Deutschland war nicht zu retten. Es war vorgesehen, Deutschland zu \u00bbnutzen\u00ab, um Zeit zu gewinnen, Kr\u00e4fte zu binden oder Eskalation zu steuern. Die Kombination aus hoher Bev\u00f6lkerungsdichte, urban-industrieller Struktur und milit\u00e4rischer Bedeutung h\u00e4tte zu extrem hohen Opferzahlen gef\u00fchrt \u2013 nicht nur durch Explosionen, sondern durch Strahlung, Hunger und staatlichen Zusammenbruch.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Die Lehre aus den Planspielen<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Szenarien widerlegen die Vorstellung eines \u00bbbegrenzten\u00ab Atomkriegs in Europa. Selbst \u00dcbungen, die von politischer Kontrolle und rationalen Entscheidungen ausgingen, endeten regelm\u00e4\u00dfig in vollst\u00e4ndiger Verw\u00fcstung. Deutschland w\u00e4re kein Kollateralschaden gewesen, sondern integraler Bestandteil der Kriegsplanung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Geschichte der Atomkriegsspiele ist deshalb keine historische Kuriosit\u00e4t, sondern eine Warnung: Europa war, und ist, im Ernstfall kein Schutzraum, sondern ein potenzielles Opferfeld. Wer heute von Abschreckung spricht, sollte sich bewusst machen, dass sie jahrzehntelang auf der stillschweigenden Inkaufnahme der Zerst\u00f6rung ganzer L\u00e4nder und der Ausrottung ihrer Bewohner beruhte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Dennoch konnten die Nato-Milit\u00e4rs bisher nicht dazu gebracht werden, ihre Kriegsszenarien zu \u00e4ndern. F\u00fcr sie ist und bleibt Europa der Kriegsschauplatz, auf dem sie die Schlachten von gestern mit den Waffen von heute schlagen. Oder die Schlachten von morgen mit den Waffen von gestern.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Amerikaner wollen, wenn es denn zu einem Ost-West-Konflikt kommen sollte, nicht sofort den gro\u00dfen Atomschlag gegen die Sowjet-Union und damit ihre eigene Existenz riskieren. Sie proben den auf Europa begrenzten Krieg.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Eine n\u00fcchterne Bilanz<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die zentrale Botschaft aller \u00dcberlegungen zum Thema ist ebenso simpel wie verst\u00f6rend: Atomwaffen sind keine politischen Druckmittel, sondern Ausl\u00f6ser eines potenziellen Aussterbeereignisses. Hiroshima und Nagasaki waren keine Belege f\u00fcr \u00bbBeherrschbarkeit\u00ab, sondern fr\u00fche Warnungen \u2013 mit Waffen, die im Vergleich zu heutigen Sprengk\u00f6pfen winzig waren. Die Physik, die Biologie und die Klimaforschung sprechen eine eindeutige Sprache. Ignoriert wird sie nicht aus Unwissen, sondern aus Gewohnheit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 80 Jahren arbeiten Politiker, Milit\u00e4rs und Wissenschaftler an Waffen und Pl\u00e4nen, die geeignet sind, den Planeten zu vernichten und alles Leben mehrfach auszul\u00f6schen. Und sie haben diese Waffen immer mehr perfektioniert. Was bedeutet ein Atomkrieg wirklich? Und wie sehen die dazu entwickelten Kriegsspiele aus? 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