{"id":2470,"date":"2026-01-03T19:28:11","date_gmt":"2026-01-03T18:28:11","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2470"},"modified":"2026-01-03T19:32:53","modified_gmt":"2026-01-03T18:32:53","slug":"tektonische-spaltungen-bis-zur-staatsaufloesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2470","title":{"rendered":"Tektonische Spaltungen \u2013 bis zur Staatsaufl\u00f6sung?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Frankreich erlebt eine tiefgreifende Untergrabung seines gesellschaftlichen Fundaments. Diese vollzieht sich nicht in einem einzelnen Gesetz, nicht in einem spektakul\u00e4ren Umsturz, sondern im Alltagsleben: auf Schulh\u00f6fen, in Wohnvierteln, Wahlkabinen und sozialen Netzwerken. Im Zentrum dieser Entwicklung steht eine neue islamische Identit\u00e4t, die vor allem unter jungen franz\u00f6sischen Muslimen an Bedeutung gewinnt und zunehmend in Spannung zu den s\u00e4kularen Grundlagen der Republik ger\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Noch vor wenigen Jahrzehnten schien der franz\u00f6sische Gesellschaftsvertrag einer laizistischen Republik stabil. Religion galt als Privatsache, die nationale Zugeh\u00f6rigkeit als verbindendes Dach. Heute zeigt sich ein anderes Bild. Rund 80 Prozent der Muslime in Frankreich bezeichnen sich als praktizierend, deutlich mehr als bei anderen Religionsgemeinschaften. Besonders auff\u00e4llig ist der Generationenbruch: Etwa 30 Prozent der 18- bis 24-J\u00e4hrigen verstehen sich als sehr oder extrem religi\u00f6s \u2013 ein Wert, der ein Mehrfaches dessen betr\u00e4gt, was f\u00fcr ihre Gro\u00dfeltern galt (\u00c6ON-Z <a href=\"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2005\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">berichtete<\/a>). Zwei Drittel beten t\u00e4glich, fast die H\u00e4lfte besucht regelm\u00e4\u00dfig eine Moschee. Vor drei\u00dfig Jahren waren es nur etwa ein F\u00fcnftel beziehungsweise weniger als zehn Prozent. Der Islam, der keine (reine) Religion, sondern eine alles umfassende politische Weltanschauung ist, verliert nicht an Bedeutung, er gewinnt sie \u2013 und zwar bei jenen, die die demografische Zukunft des Landes pr\u00e4gen werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Entwicklung bleibt nicht auf pers\u00f6nliche Fr\u00f6mmigkeit beschr\u00e4nkt. Mehr als die H\u00e4lfte der jungen Muslime h\u00e4lt religi\u00f6se Regeln f\u00fcr wichtiger als die Gesetze der Republik. \u00dcber ein Drittel \u00e4u\u00dfert Sympathien f\u00fcr islamextremistische Positionen, fast die H\u00e4lfte f\u00fchlt sich radikaleren Str\u00f6mungen nahe, die den Islam nicht nur als Glauben, sondern als politisches Ordnungsmodell begreifen. In weltanschaulichen Fragen stellen \u00fcber 80 Prozent religi\u00f6se \u00dcberzeugungen \u00fcber wissenschaftliche Erkenntnisse. Hier verschiebt sich der Ma\u00dfstab von Wahrheit und Autorit\u00e4t \u2013 mit weitreichenden Folgen f\u00fcr eine Gesellschaft, die auf Rationalit\u00e4t, Wissenschaft und Rechtsstaatlichkeit fu\u00dft.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein zentraler Verst\u00e4rker dieser Entwicklung ist die soziale Realit\u00e4t der Banlieues. In vielen dieser <a href=\"https:\/\/sig.ville.gouv.fr\/atlas\/QP_2024\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brennpunktviertel<\/a> \u2013 \u00bbQuartiers Prioritaires de la Politique de la Ville\u00ab (QPV) genannt \u2013 leben gro\u00dfe muslimische Bev\u00f6lkerungsgruppen r\u00e4umlich konzentriert, h\u00e4ufig mit hoher Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 20 Prozent und geringer sozialer Durchl\u00e4ssigkeit. Was als sozialstaatliche F\u00fcrsorge begann, entwickelte sich \u00fcber Jahrzehnte zu einer strukturellen Falle. Wer dort aufw\u00e4chst, entwickelt sich oft in einen abgeschlossenen sozialen Raum hinein, besucht Schulen mit \u00fcberwiegend muslimischer Sch\u00fclerschaft und hat kaum Ber\u00fchrungspunkte mit der Lebenswelt der \u00fcbrigen Gesellschaft. Integration erscheint nicht erstrebenswert, weil Anerkennung au\u00dferhalb der eigenen Gemeinschaft als unerreichbar gilt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">In diesem Umfeld wird Religion zum identit\u00e4tsstiftenden Anker. Moscheen, religi\u00f6se Vereine und charismatische Prediger bieten Zugeh\u00f6rigkeit, Orientierung und klare Regeln. Islamextremistische Netzwerke, allen voran die Muslimbruderschaft, nutzen diese Dynamik gezielt. Sie kontrollieren mindestens zehn Prozent der Moscheen und betreiben Hunderte Bildungs-, Sport- und Wohlfahrtsvereine. Ihre Strategie ist langfristig und <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/infodienst\/332126\/serie-legalistischer-islamismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">legalistisch<\/a> angelegt: Einfluss durch soziale Arbeit, Pr\u00e4senz in lokalen Strukturen, schrittweise Normverschiebung. Hinzu kommt massiver ausl\u00e4ndischer Einfluss. Staaten wie Saudi-Arabien, Katar, die T\u00fcrkei, Marokko oder Algerien finanzieren Moscheen, entsenden Imame und pr\u00e4gen religi\u00f6se Inhalte. \u00dcber soziale Medien erreichen Prediger aus dem Ausland junge Menschen direkt \u2013 oft mit Botschaften, die westlichen Werten v\u00f6llig entgegengesetzt sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der franz\u00f6sische S\u00e4kularismus ger\u00e4t dadurch unter Druck. Gesetze, die religi\u00f6se Symbole aus \u00f6ffentlichen Schulen verbannen, sollen Neutralit\u00e4t sichern, werden von vielen Muslimen jedoch als gezielte Ausgrenzung empfunden. Verbote von Kopftuch oder Abaya f\u00fchren nicht zur Anpassung, sondern h\u00e4ufig zum widerst\u00e4ndigen R\u00fcckzug in religi\u00f6se Alternativstrukturen. Der Staat erscheint nicht als neutraler Schiedsrichter, sondern als Gegenspieler einer Identit\u00e4t, die sich bedroht f\u00fchlt. Jeder Konflikt \u2013 ob im Biologieunterricht, in der Sexualerziehung oder bei Fragen der Gleichberechtigung \u2013 wird so zum Symbolkampf.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die demografische Entwicklung verleiht all dem eine alles \u00fcberragende Sprengkraft. Der muslimische Bev\u00f6lkerungsanteil in Frankreich lag 2016 bei 8,8 Prozent und k\u00f6nnte bis 2050 auf weit \u00fcber 20 Prozent anwachsen. Da muslimische Familien j\u00fcnger sind und mehr Kinder bekommen, wird ihr Einfluss unter Jugendlichen und Erwerbst\u00e4tigen besonders stark sein. Bereits heute zeigt sich dies politisch: In urbanen R\u00e4umen bildet sich ein klar identifizierbarer muslimischer Wahlblock, der \u00fcberwiegend linke bis linksextreme Parteien (z.B. <a href=\"https:\/\/lafranceinsoumise.fr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">La France insoumise<\/a> \u2013 d.h. \u203aUnbeugsames Frankreich\u2039) unterst\u00fctzt, die als besonders sensibel f\u00fcr muslimische Interessen gelten. Gleichzeitig radikalisiert sich ein Teil der nicht-muslimischen Bev\u00f6lkerung \u2013 insbesondere auf dem Land und au\u00dferhalb der Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013 in die entgegengesetzte Richtung (z.B. \u203a<a href=\"https:\/\/www.rassemblementnational.fr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rassemblement National<\/a>\u2039). Das politische Koordinatensystem verschiebt sich entlang kultureller und identit\u00e4rer Bruchlinien.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Folgen sind nicht nur absehbar, sondern bereits sichtbar. In Schulen h\u00e4ufen sich Konflikte um Lehrinhalte, Lehrer meiden Themen aus Angst vor Eskalation (siehe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mord_an_Samuel_Paty\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mord<\/a> an Samuel Paty), Familien der Mittelschicht ziehen ihre Kinder aus problematischen Schulen ab. Es entstehen parallele Bildungssysteme. Auf dem Arbeitsmarkt kollidieren religi\u00f6se Vorstellungen (wie z.B. die Gebetszeiten) mit s\u00e4kularen Arbeitsbedingungen. In einzelnen Vierteln verliert der Staat faktisch die Kontrolle: Polizei und Verwaltung sind nur eingeschr\u00e4nkt pr\u00e4sent, Regeln werden informell durchgesetzt, staatliche Gesetze gelten nur noch, wenn sie lokal akzeptiert werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Frankreich steuert damit nicht auf eine islamische Theokratie zu, sondern auf etwas Subtileres und m\u00f6glicherweise Gef\u00e4hrlicheres: ein dauerhaft gespaltenes Land. Zwei gro\u00dfe Bev\u00f6lkerungsgruppen, beide franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrger, leben nach unterschiedlichen normativen Ordnungen, konsumieren unterschiedliche Medien, w\u00e4hlen unterschiedliche Parteien und misstrauen einander zutiefst. Die Republik best\u00fcnde weiter auf dem Papier, doch ihr innerer Zusammenhalt wird br\u00fcchig bis zur Spaltung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Das eigentliche Risiko liegt nicht im Wachstum einer Weltanschauung, sondern im Verlust eines gemeinsamen Referenzrahmens. Wenn der gesellschaftliche Konsens dar\u00fcber zerbricht, was Vorrang hat \u2013 religi\u00f6s behauptete Gebote oder staatliches Recht, kollektive Identit\u00e4t oder individuelle Freiheit \u2013, wird ein Kompromiss unm\u00f6glich. Frankreich steht damit vor einer historischen Bew\u00e4hrungsprobe: ob es gelingt, Integration, S\u00e4kularismus und soziale Koh\u00e4sion neu zu denken, oder ob sich die beschriebenen Parallelwelten verfestigen und das Land dauerhaft in unvers\u00f6hnliche Lager zerf\u00e4llt. Auch andere europ\u00e4ische L\u00e4nder folgen diesem Entwicklungspfad \u2026<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankreich erlebt eine tiefgreifende Untergrabung seines gesellschaftlichen Fundaments. 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