{"id":2093,"date":"2025-11-30T13:00:28","date_gmt":"2025-11-30T12:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2093"},"modified":"2025-11-30T18:16:12","modified_gmt":"2025-11-30T17:16:12","slug":"der-westen-am-kipppunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2093","title":{"rendered":"Der Westen am Kipppunkt?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">In einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=RATq8h0dMT0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview<\/a> zeichnet der chinesisch-kanadische Historiker und Bildungsautor Professor Xueqin Jiang eine d\u00fcster-pr\u00e4gnante, historisch informierte und analytisch gesch\u00e4rfte Diagnose: Die westliche Welt \u2013 allen voran das angloamerikanische Imperium mitsamt EU-Europa \u2013 befinde sich in einer Phase des erheblich beschleunigten Niedergangs. Ursache sei ein Zusammenspiel aus kultureller Erm\u00fcdung, \u00f6konomischer Fehlentwicklung, extremistischen \u203aEliten\u2039\u00b9, politischer Polarisierung und einem gef\u00e4hrlichen Verlust strategischer Urteilsf\u00e4higkeit. Jiang greift dabei auf historische Muster und bekannte Theorien von Peter Turchin, Thomas Piketty und Oswald Spengler zur\u00fcck.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Drei Grundindikatoren des Aufstiegs \u2013 und des Verfalls<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Jiang argumentiert, dass sich der Zustand einer Zivilisation an drei Variablen ablesen lasse: Energie (d.h. Tatkraft, Entschlossenheit, Leistungsf\u00e4higkeit), Offenheit (Lern- und Selbstkritikf\u00e4higkeit) und Zusammenhalt (soziale Koh\u00e4sion, Vertrauen). Auf dieser Dreiteilung gr\u00fcnden alle weiteren Beobachtungen. Aufstiegsm\u00e4chte seien stets durch hohen Arbeitseifer, Selbstkorrekturf\u00e4higkeit und starke soziale Koh\u00e4sion gekennzeichnet. Heute seien diese drei S\u00e4ulen im Westen massiv erodiert. Junge Menschen seien weniger bereit, harte Arbeit zu leisten, viele suchten Karrierewege \u00fcber Soziale Medien (z.B. als \u00bbInfluencer\u00ab) statt \u00fcber klassisch-wertsch\u00f6pfende T\u00e4tigkeiten \u2013 ein Symptom mangelnder gesellschaftlicher \u00bbEnergie\u00ab. Gleichzeitig gehe die Offenheit f\u00fcr Debatten und Widerspruch zur\u00fcck \u2013 sichtbar etwa in Universit\u00e4ten mit DEI-Diskursen\u00b2, Cancel Culture (Zensurkultur), Coronama\u00dfnahmen, Tabuisierung geopolitischer Diskussionen sowie aktuellen politischen Diskursverweigerungen. Auch der gesellschaftliche Zusammenhalt sei durch Polarisierung und Identit\u00e4tspolitik unwiderruflich zerbrochen. Die Folge sei eine politisch-mediale Rhetorik, die Narrativen Vorrang vor Realpolitik gebe.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00b2DEI: Abk\u00fcrzung f\u00fcr Diversity, Equity, and Inclusion (Diversit\u00e4t, Gleichstellung und Inklusion).<\/small><\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Warum der Westen seine Jugend nicht mehr mobilisieren kann<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr Jiang ist die Arbeitsverweigerung oder -unlust vieler junger Menschen ein zentrales Warnsignal. In einer globalen Konkurrenzphase, in der die Produktion in der Realwirtschaft wieder wichtiger wird, fehlen im Westen die Menschen, die \u00fcberhaupt noch dauerhaft in der Industrie arbeiten wollen. Viele junge Menschen im Westen w\u00fcrden Arbeit und Lebensentw\u00fcrfe anders als noch die Boomer- und Kriegsgeneration priorisieren \u2013 n\u00e4mlich Streaming, Gaming, Influencer-Karrieren statt lebenslanger Fabrikarbeit oder industrieller Produktion. Das hei\u00dft, \u00bbReshoring-Initiativen\u00ab, also Bem\u00fchungen zur R\u00fcckverlagerung von Produktionsst\u00e4tten und Dienstleistungen aus dem Ausland zur\u00fcck ins Heimatland mit anschlie\u00dfender Re-Industrialisierung (statt Deindustrialisierung), scheitern bereits daran, dass kaum jemand noch bereit ist, 40 Jahre lang k\u00f6rperlich anstrengende Arbeit zu leisten. Diese Entwicklung bedrohe nicht nur das Wachstum, sondern auch die F\u00e4higkeit eines Staates, seinen Lebensstandard zu sichern.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Turchin, Piketty, Spengler \u2013 Die drei \u00bbapokalyptischen Reiter\u00ab der Krise<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Im Interview entfaltet Jiang ein analytisches Dreieck \u00f6konomischer, politischer und historischer Theorien:<\/span><\/p>\n<ol>\n<li style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Peter Turchin\u00b3 \u2013 Eliten\u00fcberproduktion:<\/strong> W\u00e4chst eine Gesellschaft, produziert sie mehr Menschen mit Eliteanspr\u00fcchen, doch die Zahl der Machtpositionen bleibt begrenzt. \u00dcberz\u00e4hlige Eliten beginnen, sich gegenseitig zu bek\u00e4mpfen \u2013 teils bis hin zum B\u00fcrgerkrieg, wie das antike Rom oder das revolution\u00e4re Frankreich (1789-1799) zeigten. Heute sieht Jiang diesen Mechanismus in den USA (und in der EU) erneut am Werk: Die Tech-Oligarchen auf der einen und die Finanzelite auf der anderen Seite ringen um die politische Vorherrschaft.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Thomas Piketty\u2074 \u2013 Finanzialisierung:<\/strong> Das Kapital wandert dorthin, wo die Renditen hoch sind \u2013 und das ist seit Langem die (parasit\u00e4re) Finanz- und Technologiespekulation, nicht die produktive Realwirtschaft. Die Folge: Monopole, Spekulationsblasen, Renten\u00f6konomien und eine Entkopplung der Finanzwelt von produktivem Wohlstand. Datenzentren und KI-Hypes verschlingen Billionen, ohne gesellschaftlichen Nutzen zu schaffen. Nach <a href=\"https:\/\/futurism.com\/artificial-intelligence\/openai-financial-situation-nauseating\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Medienberichten<\/a> gibt etwa OpenAI j\u00e4hrlich 620 Milliarden US-Dollar allein f\u00fcr die Anmietung von Rechenzentrumskapazit\u00e4ten aus \u2013 bei einem Jahresumsatz von 13 Milliarden Dollar, um seine KI-Modelle zu betreiben.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Oswald Spengler\u2075 \u2013 Der organische Zyklus des Untergangs:<\/strong> Zivilisationen altern und sterben wie Lebewesen. F\u00fcr Jiang ist dieses Modell besonders beunruhigend, weil die westliche Welt Anzeichen eines kulturellen Ersch\u00f6pfungsstadiums zeigt.<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Modelle erg\u00e4nzen einander: Turchin spricht politisch-sozial, Piketty \u00f6konomisch, Spengler meta-historisch \u2013 zusammen ergeben sie laut Jiang ein dichtes Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr die gegenw\u00e4rtigen Schw\u00e4chen: \u00f6konomischer Stillstand, politischer Verfall durch elit\u00e4ren Extremismus und kulturelle M\u00fcdigkeit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small><strong>\u00b3Peter Turchin<\/strong> ist ein russisch\u2011amerikanischer Populationsbiologe und Historiker, der historische Prozesse mit mathematischen Modellen zu erkl\u00e4ren versucht und daraus Zyklen politischer Stabilit\u00e4t und Instabilit\u00e4t ableitet. Zentral ist seine \u00bbStructural Demographic Theory\u00ab, in der er demografische, \u00f6konomische und politische Variablen kombiniert, um Phasen von Ordnung, Krise und Zerfall in Gro\u00dfreichen zu beschreiben. Unter \u00bbEliten\u00fcberproduktion\u00ab versteht Turchin eine Situation, in der eine Gesellschaft mehr potenzielle Eliten (gut ausgebildete, ehrgeizige Menschen mit Anspruch auf Status, Einfluss und gut bezahlte Positionen) hervorbringt, als sie in entsprechenden Macht\u2011 und Prestigepositionen aufnehmen kann. Dadurch versch\u00e4rft sich der Wettbewerb innerhalb der Eliten, es entstehen frustrierte Gegen\u2011Eliten, und die Konflikte zwischen Eliten und Gegen\u2011Eliten k\u00f6nnen sich mit materieller Not breiter Schichten zu einer destabilisierenden, bisweilen revolutions\u00e4hnlichen Dynamik verbinden. Empirisch st\u00fctzen historische Beispiele und manche aktuellen Trends (z.B. viele ambitionierte Nachwuchspolitiker bei begrenzten Spitzenposten) seine These, zugleich wird kritisiert, dass komplexe politische Entwicklungen kaum monokausal aus Elitenkonkurrenz und Demografie erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen.<br \/>\n<strong>\u2074Thomas Piketty<\/strong> ist ein franz\u00f6sischer \u00d6konom, der durch sein Werk \u00bbDas Kapital im 21. Jahrhundert\u00ab (2013) weltweite Bekanntheit erlangte. Seine zentrale These lautet: Wenn die Rendite auf Kapital dauerhaft h\u00f6her ist als das Wirtschaftswachstum, f\u00fchrt dies zu wachsender Verm\u00f6gensungleichheit, da Kapitalbesitzer ihr Verm\u00f6gen schneller vermehren als die Gesamtwirtschaft w\u00e4chst. Piketty st\u00fctzt seine Analyse auf umfangreiche historische Daten \u00fcber Verm\u00f6gens- und Einkommensverteilung aus mehreren Jahrhunderten. Er argumentiert, dass die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig egalit\u00e4re Nachkriegszeit (1945-1980) eher eine historische Ausnahme war, verursacht durch Weltkriege und progressive Steuerpolitik, w\u00e4hrend Ungleichheit der historische Normalzustand kapitalistischer Gesellschaften ist. Als Gegenma\u00dfnahme schl\u00e4gt er eine globale Verm\u00f6genssteuer und h\u00f6here Grenzsteuers\u00e4tze f\u00fcr Spitzenverdiener vor. Seine Arbeit wird in der \u00f6konomischen Zunft kontrovers diskutiert \u2013 von manchen als bahnbrechende Analyse gefeiert, von anderen wegen methodischer Fragen und seiner politischen Schlussfolgerungen kritisiert. Piketty hat die Debatte \u00fcber Verm\u00f6gensungleichheit aber zweifellos neu belebt und in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Diskussion ger\u00fcckt.<br \/>\n<strong>\u2075Oswald Spengler<\/strong> (1880-1936) war ein deutscher Geschichtsphilosoph und Kulturkritiker, der durch sein monumentales Werk \u00bbDer Untergang des Abendlands. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte\u00ab (1918-1922) weltber\u00fchmt wurde. Im Gegensatz zur g\u00e4ngigen Vorstellung eines linearen Fortschritts der Menschheit betrachtet Spengler die Geschichte als eine Abfolge von v\u00f6llig eigenst\u00e4ndigen, in sich geschlossenen Hochkulturen \u2013 etwa die \u00e4gyptische, die babylonische, die indische, die chinesische, die antike (apollinische), die arabisch-magische, die mesoamerikanische und die abendl\u00e4ndische. Jede dieser Kulturen verh\u00e4lt sich f\u00fcr ihn wie ein lebendiger Organismus: Sie wird geboren, durchl\u00e4uft eine Jugend- und Reifephase h\u00f6chster sch\u00f6pferischer Kraft, tritt dann in eine sp\u00e4te, verh\u00e4rtete Zivilisationsphase ein und stirbt schlie\u00dflich zwangsl\u00e4ufig ab. Dieser Zyklus ist schicksalhaft und l\u00e4sst sich weder aufhalten noch moralisch bewerten. Die abendl\u00e4ndische Kultur, die Spengler als \u00bbfaustisch\u00ab bezeichnet, begann um das Jahr 1000 mit der romanischen und gotischen Epoche. Ihr Wesen ist das Streben ins Unendliche, der Wille zur Tiefe, zur Ferne und zur \u00dcberwindung des blo\u00df Sichtbaren \u2013 sichtbar in der Gotik, der Perspektive der Malerei, der abendl\u00e4ndischen Harmonielehre und schlie\u00dflich in der modernen Technik und dem Weltraumgedanken. Seit dem 19. Jahrhundert jedoch ist diese Kultur nach Spengler in die Zivilisationsphase eingetreten: Die echte sch\u00f6pferische Kraft erlischt, Religion und gro\u00dfe Kunst verk\u00fcmmern, Demokratie und Parlamentarismus erweisen sich als vor\u00fcbergehende Formen, die in Geldherrschaft und C\u00e4sarismus m\u00fcnden, und die Gesellschaft wird zunehmend rationalistisch, materialistisch und steril. Der \u00bbUntergang des Abendlandes\u00ab ist daher kein zuf\u00e4lliges Ungl\u00fcck, sondern der nat\u00fcrliche Tod einer ausgereiften Kultur, vergleichbar mit dem \u00dcbergang der antiken Welt in das r\u00f6mische Kaisertum. Spenglers Buch erschien kurz nach dem Ersten Weltkrieg und wird heftig kritisiert \u2013 vor allem wegen seines scheinbar starren Determinismus, der oft erzwungen wirkenden Analogien und des Mangels an empirischer Belegbarkeit. Gleichzeitig pr\u00e4gte es Generationen von Denkern: von Arnold Toynbee \u00fcber die \u203aKonservative Revolution\u2039 bis hin zu Teilen der sp\u00e4teren Kulturkritik der 68er und heutigen Zivilisationskritikern. Politisch stand Spengler rechts, lehnte aber den Nationalsozialismus entschieden ab. Zusammengefasst bleibt Oswald Spengler der vielleicht einflussreichste \u00bbUntergangsprophet\u00ab des 20. Jahrhunderts \u2013 ein Denker, der die Geschichte als gro\u00dfes, zyklisches und tragisches Naturschauspiel verstand und den modernen Westen als sterbende Zivilisation diagnostizierte. Sein Werk polarisiert bis heute, wirkt aber in Zeiten wiederkehrender Krisenstimmung erstaunlich aktuell, etwa in Debatten \u00fcber den \u00bbDecline of the West\u00ab.<\/small><\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Finanzkrise, Elitenabschottung und der Verlust strategischer Rationalit\u00e4t<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein gro\u00dfer Teil des Niedergangs liege laut Jiang in der nachtr\u00e4glichen \u00bbRettung\u00ab der Finanzelite infolge der Finanzkrise 2008 begr\u00fcndet. Statt das System zu reformieren, wurden die Verantwortlichen belohnt und gerettet. Statt strukturelle Korrekturen vorzunehmen habe die Politik die Probleme durch noch mehr Verschuldung und Liquidit\u00e4t nur verschoben. Jiang schildert die Folge als Zentralisierung von Verm\u00f6gen, Deregulierung, \u00bbtoo big to fail\u00ab und politische Vereinnahmung \u2013 kurz: eine Entwicklung, die Mittelschichten entmachtet und soziale Spannungen n\u00e4hrt. Als konkrete Kennzahlen nennt er beispielsweise die Staatsverschuldung der USA von fr\u00fcher rund neun Billionen auf mittlerweile zirka 38 Billionen US-Dollar als Indikator daf\u00fcr, dass dieselben Instrumente nicht mehr wirken w\u00fcrden. Doch die politische Funktionselite habe sich seither vollst\u00e4ndig abgeschottet und sei kaum noch in der Lage, reale Bedrohungen oder geopolitische Dynamiken objektiv einzusch\u00e4tzen. Sichtbar sei dies an den westlichen Fehleinsch\u00e4tzungen gegen\u00fcber Russland, China oder dem Iran.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Der Ukrainekrieg als selbst gestellte strategische Falle des Westens<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Krieg in der Ukraine \u00fcbernimmt f\u00fcr Jiang die Funktion eines Pr\u00fcfsteins: Die NATO sei seit Anfang an wesentlich tiefer involviert als \u00f6ffentlich einger\u00e4umt (Waffen, Aufkl\u00e4rung, Spezialkr\u00e4fte), wodurch Europa in eine unaufl\u00f6sliche Bindung in den Krieg hineingeraten sei. Die politische und mediale Deutung sei jedoch so stark ideologisch aufgeladen, dass eine sachliche Analyse unm\u00f6glich geworden ist. Russland k\u00e4mpfe hingegen aus der Sicht vieler Russen um die Existenz und die eigene Sicherheit \u2013 mit h\u00f6herer Motivation und Koh\u00e4renz. Jiang h\u00e4lt einen russischen Sieg und die Einnahme Odessas f\u00fcr wahrscheinlich und glaubt, dass dieser Fall einen Schockmoment f\u00fcr die westliche Ordnung darstellen w\u00fcrde und das Ende des Konflikts ein Zerbrechen westlicher strategischer Koh\u00e4renz bedeuten k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>China und die USA: Rivalit\u00e4t mit eingebauter Abh\u00e4ngigkeit<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Anders als mit Russland sieht Jiang die Beziehung zwischen den USA und China als potenziell \u00bbstabilisierbar\u00ab an. Beide Volkswirtschaften seien tief miteinander verflochten. China biete Produktionskapazit\u00e4ten, die der Westen schlicht nicht ersetzen k\u00f6nne. Daher erwartet Jiang mittelfristig eine pragmatische Ann\u00e4herung \u2013 sofern die USA in einen rationaleren Modus zur\u00fcckfinden.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Revolution oder B\u00fcrgerkrieg \u2013 wenn zu viele Eliten um zu wenige Positionen ringen<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Durch die Abkapselung der Funktionseliten aus Politik, Universit\u00e4ten, NGOs und Medien entsteht Populismus: Wenn politische Eliten in einer Blase leben und Reformen blockieren, \u00f6ffnen sie das politische Feld f\u00fcr Demagogen, die einfache Antworten und symbolische Br\u00fcche versprechen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Jiang zieht Parallelen zu den \u00bbGracchischen Reformen\u00ab und dem Aufstieg Caesars. Demnach erinnere ihn die Entwicklung an Rom nach den Punischen Kriegen im Jahre 146 v.u.Z. Damals sei Rom zwar unangefochtener Herrscher des Mittelmeers gewesen, habe aber eine Kriegsmaschinerie aufgebaut, die aus eigenem Antrieb immer neue Feldz\u00fcge produzierte. Der Grund daf\u00fcr sei gewesen, dass die r\u00f6mische Wirtschaft auf Krieg beruhte. Der Adel habe Kriege begonnen, um Sklaven zu erbeuten, die anschlie\u00dfend dessen G\u00fcter bewirtschafteten. Die daf\u00fcr zum Kriegsdienst eingezogenen Bauern h\u00e4tten ihr eigenes Land nicht mehr bestellen k\u00f6nnen, seien in Schulden geraten und h\u00e4tten es schlie\u00dflich verpf\u00e4ndet. Viele seien im Krieg gefallen, wodurch ihre Familien das Land verloren h\u00e4tten. So habe der Adel gro\u00dfe Fl\u00e4chen zusammengezogen, w\u00e4hrend aus der Bauernschaft eine abh\u00e4ngige P\u00e4chterklasse geworden sei. Viele dieser Menschen seien gezwungen gewesen, nach Rom abzuwandern, wo sie als instabile Masse in der Stadtgesellschaft den Populismus bef\u00f6rderten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Als erste gro\u00dfe Reformer habe man sp\u00e4ter die Br\u00fcder Gracchus betrachtet, insbesondere Tiberius Sempronius Gracchus. Dessen Programm sei, so meinte Jiang, eines der vern\u00fcnftigsten Reformprojekte der Geschichte gewesen. Gracchus habe lediglich darauf hingewiesen, dass die b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung ihr Land verloren habe, w\u00e4hrend der r\u00f6mische Staat \u00fcber brachliegendes \u00f6ffentliches Land verf\u00fcgte. Dieses solle wieder an die Bauern verteilt werden, die bereit seien, es zu bewirtschaften. Die Elite habe sich jedoch provoziert gef\u00fchlt, weil sie das \u00f6ffentliche Land wie Privateigentum behandelt habe. Aus dieser Kr\u00e4nkung heraus h\u00e4tten Adlige Tiberius Gracchus und seine Anh\u00e4nger erschlagen. Sein j\u00fcngerer Bruder, Gaius Gracchus, der die Pl\u00e4ne im Jahr 123 v.u.Z. wieder aufgegriffen hatte, wurde gewaltsam aus Rom vertrieben und lie\u00df sich in aussichtsloser Lage auf der Flucht durch einen Sklaven t\u00f6ten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Professor Jiang betonte, diese Geschichte zeige deutlich, dass Eliten in solchen Systemen zu Arroganz und Reformunwilligkeit neigten. Wer Ver\u00e4nderungen vorschlage, riskiere sein Leben. Dadurch entstehe ein Vakuum, das Abenteurern und Demagogen erm\u00f6gliche, den Unmut des Volkes gegen die Elite zu richten. In Rom habe dieser Prozess schlie\u00dflich den Aufstieg Julius Caesars beg\u00fcnstigt und in das Zeitalter der R\u00f6mischen B\u00fcrgerkriege gef\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Das erkl\u00e4re f\u00fcr ihn Ph\u00e4nomene wie die Wahl Donald Trumps: Viele W\u00e4hler wollten \u00bbeinen Kn\u00fcppel in die Speichen des Systems\u00ab werfen, nicht unbedingt, weil die Politik der Populisten \u00fcberlegen w\u00e4re, sondern um sichtbar auf ihre Existenznot aufmerksam zu machen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders drastisch ist die daraus von Jiang abgeleitete Beschreibung der Konsequenzen aus Turchins \u00bbTheorie der Eliten\u00fcberproduktion\u00ab (Elite overproduction): Wenn Reformen blockiert, Ungleichheiten extrem und politische Spannungen unl\u00f6sbar werden, folgen historisch fast immer Revolutionen oder B\u00fcrgerkriege. Jiang betont, dass solche Ereignisse nicht ideologisch motiviert sein m\u00fcssten, sondern als \u00bbReset-Mechanismus\u00ab, als Neustart, wirkten: \u00dcberz\u00e4hlige und dysfunktionale Eliten werden durch katastrophale Gewalt oder einen Systemkollaps beseitigt. Erst danach entstehe wieder Raum f\u00fcr eine neue, kleinere und stabilere Elite, die Energien b\u00fcndeln k\u00f6nne. Der Westen stehe heute genau vor dieser strukturellen Falle. Der im Westen, insbesondere auch in Europa, sichtbare Extremismus der Funktionseliten mit seinen dauerhaften Kriegserkl\u00e4rungen gegen das Volk, feuere den eigenen Untergang best\u00e4ndig an.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Jiang verweist darauf, dass nahezu alle gro\u00dfen historischen Wendepunkte \u2013 r\u00f6mische B\u00fcrgerkriege, Franz\u00f6sische Revolution, der US-amerikanische B\u00fcrgerkrieg und der \u00bbLange Marsch\u00ab innerhalb des Chinesischen B\u00fcrgerkriegs \u2013 durch eine vorherige \u00dcberf\u00fcllung der oberen Gesellschaftsschichten ausgel\u00f6st wurden. Heute zeige sich dasselbe Muster in den USA und EU-Europa, wo verschiedene Oligarchengruppen bereits in offenen politischen Konflikt eingetreten seien. Wenn die Eliten nicht reformieren, werde Gewalt am Ende die Funktion \u00fcbernehmen, die politische Ordnung zu erneuern.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Ausblick \u2013 Ein Jahrzehnt der Entscheidung<\/strong><\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Das Interview verdichtet historische Vergleiche, \u00f6konomische Analysen und geopolitische Prognosen zu einem stringenten Narrativ.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Eine der markantesten Prognosen des Professors ist die Erwartung, dass transnationales Kapital Israel als Investitions- und Infrastrukturnetzwerk beg\u00fcnstigen k\u00f6nnte \u2013 Jiang spricht vom m\u00f6glichen Aufstieg einer Art \u00bbPax Judaika\u00ab, getragen von Finanzinteressen, Rechenzentren, KI-Infrastruktur und geopolitischen B\u00fcndnissen im Nahen Osten. Er sieht Kapitalallokation als treibende Kraft: in einem fragmentierten, verschuldeten Westen k\u00f6nne Israel ein sicherer Hafen f\u00fcr Investitionen sein. Diese These verbindet geopolitische, \u00f6konomische und ideelle Elemente und ist sowohl spekulativ und provokant als auch wertend \u2013 sie geh\u00f6rt zu den radikaleren Aussagen des Interviews.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr Professor Jiang deuten indessen alle historischen Indikatoren auf einen raschen Niedergang innerhalb der n\u00e4chsten f\u00fcnf bis zehn Jahre, wobei die Mechanismen variieren: Elitenkonflikte (Turchin) k\u00f6nnten in gewaltsame Umbr\u00fcche m\u00fcnden; \u00bbPiketty-Logiken\u00ab k\u00f6nnten zu wachsender Renten\u00f6konomie und Produktivit\u00e4tsverlust f\u00fchren und \u00bbSpengler-Perspektiven\u00ab deuten schlie\u00dflich auf unumg\u00e4ngliche Zyklen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Auswege seien kaum erkennbar, weil die usurpatorischen Funktionseliten die Realit\u00e4t nicht mehr wahrnehmen, zur Selbstreinigung offenbar nicht motiviert sind und notwendige Korrekturen blockieren. Doch gerade darin liegt seine Warnung: Wer nicht rechtzeitig reformiert, riskiert, dass die Gesellschaft die L\u00f6sung erzwingt \u2013 durch Revolution, Systemsturz oder innere Gewalt. Das Fenster f\u00fcr eine friedliche Neuausrichtung schlie\u00dfe sich langsam, aber sicher.<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">\u00b9Nachtrag: Definition des \u00bbExtremismus der Eliten\u00ab<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Das Mindset der heutigen Funktionseliten in Politik, Justiz, Universit\u00e4ten, Medien und NGOs, die sich selbst als auserw\u00e4hlte Elite betrachten, ist gepr\u00e4gt von einer moralischen und intellektuellen \u00dcberlegenheitsattit\u00fcde, die sich als kosmopolitische Avantgarde (\u203aAnywheres\u2039) <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2017\/mar\/22\/the-road-to-somewhere-david-goodhart-populist-revolt-future-politics\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">versteht<\/a> und traditionelle, nationale oder lokale Bindungen der Mehrheitsgesellschaft (\u203aSomewheres\u2039) als r\u00fcckst\u00e4ndig, unaufgekl\u00e4rt oder illegitim abwertet. In ihrer Selbstwahrnehmung sehen sie sich nicht als Diener des Souver\u00e4ns, sondern als p\u00e4dagogische Instanz, die dazu berufen ist, die Gesellschaft im Sinne einer postnationalen und postmodernen Ideologie zu transformieren, wobei abweichende Meinungen oft nicht als legitimer Diskurs, sondern als moralisches Defizit betrachtet werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Durch die Absicherung in staatsnahen, steuerfinanzierten Sph\u00e4ren und die starke Konkurrenz untereinander (\u203aEliten\u00fcberproduktion\u2039) entsteht ein selbstreferenzielles Milieu, das sich gegen Kritik immunisiert, indem es die eigene Blase als alleinigen Tr\u00e4ger von Vernunft und Wissenschaftlichkeit definiert. Diese Entkopplung f\u00fchrt zu einer strukturellen Reformunf\u00e4higkeit, da das eigene Weltbild als alternativlose Wahrheit gilt und das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lebensrealit\u00e4ten und Sorgen der breiten Bev\u00f6lkerung kulturell verloren gegangen ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Mit dem Konzept der \u203a<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/End-Times-Counter-Elites-Political-Disintegration\/dp\/0141999284\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eliten\u00fcberproduktion<\/a>\u2039 beschreibt der Biologe und Komplexit\u00e4tsforscher Peter Turchin einen Zustand, in dem eine Gesellschaft mehr universit\u00e4re, machtambitionierte Anw\u00e4rter produziert, als Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft verf\u00fcgbar sind. Es ist vergleichbar mit einer aggressiven Variante der \u00bbReise nach Jerusalem\u00ab: Wenn die Musik aufh\u00f6rt, gibt es viel zu viele Spieler f\u00fcr zu wenige St\u00fchle.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Es kommt zu innerelit\u00e4ren Konflikten, der Wettbewerb um Status wird toxisch. Die Eliten h\u00f6ren auf zu kooperieren und beginnen, politische Normen zu brechen, um ihre Pfr\u00fcnde zu sichern. Dieser Prozess f\u00fchrt zur Entstehung von Gegen-Eliten. Die \u00bb\u00fcberz\u00e4hligen\u00ab, frustrierten Aspiranten (oft Akademiker ohne den erwarteten \u00f6konomischen Aufstieg) f\u00fchlen sich um ihren Status betrogen. Sie radikalisieren sich und mobilisieren als Gegen-Eliten die unzufriedene Bev\u00f6lkerung gegen das Establishment, oft unter Nutzung extremer Ideologien. Am Ende steht der Staatszerfall. Denn eine solche Dynamik f\u00fchrt historisch fast immer zu einer L\u00e4hmung der Institutionen, gewaltsamen Unruhen und im Extremfall zum Kollaps der staatlichen Ordnung, da der gesellschaftliche Grundkonsens vollst\u00e4ndig erodiert.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. 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