{"id":2005,"date":"2025-11-20T15:39:40","date_gmt":"2025-11-20T14:39:40","guid":{"rendered":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2005"},"modified":"2025-11-20T15:44:15","modified_gmt":"2025-11-20T14:44:15","slug":"frankreich-eine-junge-generation-im-zeichen-der-re-islamisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aeon-z.org\/?p=2005","title":{"rendered":"Frankreich: Eine junge Generation im Zeichen der \u00bbRe-Islamisierung\u00ab"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">W\u00e4hrend sich die Jugend in streng islamischen L\u00e4ndern wie dem Iran oder Saudi-Arabien langsam von der Religion emanzipiert, ist in Europa, insbesondere in Frankreich, ein gegenl\u00e4ufiger Trend festzustellen. Eine neue <a href=\"https:\/\/www.ifop.com\/article\/etat-des-lieux-du-rapport-a-lislam-et-a-lislamisme-des-musulmans-de-france\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Untersuchung<\/a> des franz\u00f6sischen Meinungs- und Marktforschungsinstituts Ifop (Institut fran\u00e7ais d\u2019opinion publique), liefert einen selten klaren Blick auf die religi\u00f6sen Einstellungen muslimischer Franzosen \u2013 und zeigt deutliche Verschiebungen, die sich seit den 1980er-Jahren immer weiter verst\u00e4rken. Entgegen der h\u00e4ufig geh\u00f6rten Annahme einer schleichenden S\u00e4kularisierung zeichnet die Studie das Bild einer jungen Generation, die sich st\u00e4rker religi\u00f6s positioniert als ihre Eltern und zugleich empf\u00e4nglicher f\u00fcr islamextremistische Deutungsangebote wird.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Wachsende Bedeutung der muslimischen Bev\u00f6lkerung<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Anteil muslimischer B\u00fcrger an der erwachsenen Bev\u00f6lkerung Frankreichs stieg laut Studie von 0,5 Prozent im Jahr 1985 auf sieben Prozent im Jahr 2025. Damit ist der Islam nach dem Katholizismus die zweitgr\u00f6\u00dfte Religionsgemeinschaft des Landes. Trotz eines zunehmend polarisierten gesellschaftlichen Diskurses zeigt die Untersuchung allerdings auch: Die tats\u00e4chliche Gr\u00f6\u00dfe der muslimischen Bev\u00f6lkerung wird in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung massiv \u00fcbersch\u00e4tzt. Es gibt Umfragen, in denen der muslimische Anteil an der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung auf bis zu 31 Prozent vermutet wird.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Ein deutlicher Trend zur st\u00e4rkeren Religiosit\u00e4t<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der zentrale Befund lautet: Die muslimische Bev\u00f6lkerung Frankreichs durchl\u00e4uft einen deutlichen Prozess der \u00bbRe-Islamisierung\u00ab.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">80 Prozent bezeichnen sich selbst als religi\u00f6s \u2013 deutlich mehr als Angeh\u00f6rige anderer Glaubensrichtungen. Besonders ausgepr\u00e4gt ist dies bei den 15- bis 24-J\u00e4hrigen, von denen 87 Prozent ihre Religiosit\u00e4t betonen; fast ein Drittel versteht sich sogar als sehr oder extrem religi\u00f6s. Auch die religi\u00f6se Praxis nimmt zu: Der Moscheebesuch hat sich seit 1989 mehr als verdoppelt, die t\u00e4gliche Gebetspraxis steigt auf 62 Prozent, bei den J\u00fcngeren sogar noch h\u00f6her. Auch die Befolgung der Ramadan-Regeln wird strenger; 73 Prozent fasten den gesamten Monat, bei jungen Erwachsenen sind es sogar 83 Prozent.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">In Summe zeigt sich eine Generation, die Religion nicht als Tradition ihrer Eltern, sondern als bewusst gelebte Identit\u00e4t versteht.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Erh\u00f6hte Bedeutung religi\u00f6ser Lebensregeln<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Parallel dazu gewinnen religi\u00f6se Vorschriften \u00fcber Ern\u00e4hrung, Geschlechterrollen und Alltagspraxis an Bedeutung. 79 Prozent der franz\u00f6sischen Muslime trinken keinen Alkohol \u2013 ein deutlicher Zuwachs zu den 1980er-Jahren. Der Kopftuchgebrauch bleibt insgesamt eine Minderheitenpraxis, wird aber unter jungen Frauen zunehmend verbreitet: 45 Prozent der 18- bis 24-J\u00e4hrigen tragen ein Kopftuch \u2013 dreimal so viele wie 2003. Neben religi\u00f6sen Motiven spielt auch das Bed\u00fcrfnis nach Schutz und sozialer Markierung eine Rolle.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein \u00bbSeparatismus der Geschlechter\u00ab gewinnt an Akzeptanz: 43 Prozent lehnen bestimmte Formen k\u00f6rperlichen oder visuellen Kontakts ab, etwa H\u00e4ndesch\u00fctteln oder den Besuch gemischter Schwimmb\u00e4der. Auch hier zeigen vor allem J\u00fcngere deutlich konservativere Einstellungen.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Wachsende Neigung zu integralen und politisierten Religionsvorstellungen<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Studie legt offen, dass f\u00fcr viele Befragte religi\u00f6se Normen zunehmend Vorrang vor staatlichen Gesetzen gewinnen:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">44 Prozent w\u00fcrden in Konfliktf\u00e4llen die religi\u00f6sen Regeln \u00fcber die franz\u00f6sischen Gesetze stellen \u2013 ein deutlicher Anstieg seit 1995. Sogar 46 Prozent sprechen sich f\u00fcr die Anwendung der Scharia im Alltag aus, zumindest teilweise angepasst an das jeweilige Land.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders auff\u00e4llig ist der Zweifel an wissenschaftlichen Erkl\u00e4rungen: 65 Prozent glauben, dass in Fragen der Welterschaffung eher die Religion als die Wissenschaft recht hat. Diese Haltung deutet auf ein wachsendes Bed\u00fcrfnis hin, den eigenen Lebensstil konsequent an religi\u00f6sen Leitlinien auszurichten \u2013 auch im Widerspruch zu gesellschaftlichen Normen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Studienautoren des ifop interpretieren ihre Befunde wie folgt: \u00bb<em>Diese Daten best\u00e4rken die Bef\u00fcrchtungen derjenigen, die glauben, die muslimische Bev\u00f6lkerung entwickle sich zu einer \u203aGegengesellschaft\u2039, die ihren Alltag nach religi\u00f6sen Normen organisiert, die sich von denen der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden oder ihnen sogar entgegenstehen. Anstatt mit der Zeit abzuschw\u00e4chen, scheint sich dieser Trend Generation f\u00fcr Generation zu verst\u00e4rken, angetrieben von einer Jugend, die angesichts einer als feindselig wahrgenommenen franz\u00f6sischen Gesellschaft zunehmend bestrebt ist, ihre muslimische Identit\u00e4t zu behaupten.<\/em>\u00ab<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Islamextremistische Str\u00f6mungen: Breitere Resonanz als in fr\u00fcheren Jahrzehnten<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein weiterer Schwerpunkt der Studie betrifft islamextremistische Denkrichtungen, deren Einfluss offenbar sp\u00fcrbar zunimmt: 38 Prozent der Befragten stimmen zumindest teilweise islamextremistischen Positionen zu \u2013 doppelt so viele wie Ende der 1990er-Jahre. Ein Drittel, der \u00fcber 1.000 Befragten, zeigt Sympathien f\u00fcr islamextremistische Bewegungen; besonders verbreitet ist die N\u00e4he zu den Muslimbr\u00fcdern (24 %), gefolgt von salafistischen oder wahhabitischen Str\u00f6mungen. Unter jungen Muslimen bekennen sich 32 Prozent zur Denkweise der Muslimbr\u00fcder \u2013 ein Hinweis darauf, dass islamextremistische Ideen nicht etwa \u00bb\u00fcberaltern\u00ab, sondern sich bei J\u00fcngeren stabilisieren.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Gesamtbild: Eine religi\u00f6s st\u00e4rker markierte, selbstbewusste Generation<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Befund, den Studienleiter Fran\u00e7ois Kraus formuliert, f\u00e4llt deutlich aus: Die neue muslimische Generation in Frankreich ist religi\u00f6ser, konservativer, normorientierter und politisch islambewusster als fr\u00fchere Kohorten. Sie entfernt sich nicht von der Religion \u2013 sie n\u00e4hert sich ihr an, und zwar mit wachsender Intensit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Entwicklung wirft dr\u00e4ngende Fragen f\u00fcr Integrationspolitik und gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. Die Autoren betonen, dass traditionelle sicherheits- oder ordnungspolitische Ans\u00e4tze zu kurz greifen. Ben\u00f6tigt w\u00fcrden vielmehr tiefgreifende politische Antworten, die die sozialen und kulturellen Faktoren dieses Trends ber\u00fccksichtigen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Fran\u00e7ois Kraus res\u00fcmiert: \u00bb<em>Die Umfrage legt nahe, dass derzeit nichts den Prozess der Re-Islamisierung aufzuhalten scheint. Im Gegenteil, alle Indikatoren deuten auf eine Verst\u00e4rkung dieser Tendenzen in den kommenden Jahren hin. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Integration von Muslimen in Frankreich und ihrer Bindung an republikanische Werte mit neuer Dringlichkeit und erfordert politische Antworten, die weit \u00fcber rein sicherheitspolitische oder repressive Ans\u00e4tze hinausgehen.<\/em>\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend K\u00fcnstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sich die Jugend in streng islamischen L\u00e4ndern wie dem Iran oder Saudi-Arabien langsam von der Religion emanzipiert, ist in Europa, insbesondere in Frankreich, ein gegenl\u00e4ufiger Trend festzustellen. 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